Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1158-2824973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der sie hervorgegangen sind; die von George ausgeht; zu der der erklärende Helfer nicht hilft. Gundolf kann uns den Weg nicht wieder zurückführen, den er gekommen ist. Er hat den Dichter, den Seher empfunden, er hat Magie empfunden. Ich erfahre von ihm, was der Seher ist und daß George ein Seher ist; ich erfahre: der Seher zeigt den Menschen den Gott; es wird mir gesagt, was Magie ist; damit werde ich dem magischen Fluidum nicht zugänglich und damit sehe ich nicht den Gott. Er kann von der Wirkung sprechen, er kann nicht machen, daß ich die Wirkung empfange. Gundolf bringt George nicht den Seelen der Menschen; er tut das, was alle, die ,,Wissenschaft und Kunst besitzen", heute tun: er überantwortet George den Gebildetheiten des gebildeten Publikums. Daran ändert sieh durchaus nichts dadurch, daß uns zugleich die Verachtung für diese Gebildetheiten hergespieen wird. Und die Bemühten sitzen nun da mit dem Gundolf-Buch in der einen Hand und dem George- Werk in der andern und schauen von diesem zu jenem und von jenem zu diesem — steril gemacht, oder in ihrer Sterilität befestigt durch soviel Erkenntnisse. Die, welche George in der Stille ihres Inneren irgendwie besitzen und verehren, verletzt Gundolf im Innersten - wie er die schönen Gedichte verletzt, indem er sie zitiert. Er predigt einer Zeit, die nicht nehmen, nicht vernehmen, nicht empfangen kann und darum verstehen will, er läßt sich durchaus darauf ein, dieser Zeit entgegen zu gehen; die an die Gescheitheit glaubt und sie trotz George und vor George und um George nicht abstellen kann; einer Zeit, die dem Dichter gar nicht zuhören kann, die immer sogleich zu irgendwelchen Erkenntnissen übergehen muß, zu Erörterungen, zum Kunstdiskurs. Stefan George ist der Protest gegen diese Zeit in jeglicher ihrer Äußerungen. George hebt uns herauf über uns, löst uns heraus aus uns. Der Interpret sperrt uns in uns ein. Er verbaut die Tür wieder, die George eben aufstieß, die Tür in die tiefe Welt. George gibt uns diese Welt. Gundolf schlägt die Tür zu, indem er uns ins Gedankliche zieht, uns zwingt zu theoretisieren. — Gundolf hat die Technik, Zeilen aus den G edichten in einen erklärenden Satz zu nehmen, Teile von Versen als einen Teil des Satzes in diesen zu ziehen. Ein Wort aus einem Vers, eine Wortfolge, ein ganzer Vers hat seinen Sinn, seine Ausgerichtetheit, diesen seinen Klang, der ihn ausmacht, ausschließlich in dem Gedicht, an der Stelle, an die er gehört. Er hat seinen Sinn, sein Wesen nur da und nirgends sonst. Er ist nur da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.