Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Bildenden, je nach dem, wessen sie fähig sind. So weist das Ausgelöste nie ganz einfach dahin zurück, wo es herkommt. Menschen von gedrängter geistiger Bewegtheit und Fruchtbarkeit, zu einem gelehrten Denkerberuf gewöhnt und gezogen, bei ihnen springt notwendig die gedankliche Produktivität stark an. So ist es bei Gundolf, so ist es bei manchen noch heut; und ein Teil von dem, was sie vor Kunst, Dichtung, auch vor landschaftlicher Natur, empfangen, ist das Glück des Erfülltseins in eben dieser vehementen Bewegung ihrer Gedanken. Aber die Gedanken gehören einem Erkenntnisreich, das den Dichter nicht faßt, sondern nur umkreist und wenn es ihn fassen will, etwas Machtloses und Vergebliches hat. Gundolfs Buch ist geschrieben aus tiefer Verehrung und Dankbarkeit; und aus der durch diese Regungen und Erregungen aufgerufenen Fähigkeit des Dichtkunst-kundigen Denkers, dessen Lebensarbeit darin besteht, zu analysieren, zu beurteilen, zu lehren, darzulegen, einen Dichter gegen den andern hinzustellen und ihren Kosmos, ihre Ordnung zu errichten; ihre Ränge — die keinen von ihnen, wie ich ihn vor mich nehme und mich in ihn vertiefe, etwas angehen. Er bringt seine Gedankenwelt und breitet sie huldigend vor George aus. Er legt ihm das Beste hin, was er hat, er gibt ihm die höchsten Lobsprüche, die er hat, die Verherrlichung, die er hat. Wie auch jeder zu den Füßen der Madonna das darbringt, was er besitzt, oder was er geben kann nach seinem Handwerk. Gundolf hängt alles in den Tempel George, was er vermag, er holt aus der ganzen Welt dies unerhört reiche Material, über das er verfügt, und hängt es ihm hin; in einen Tempel aus Menschenhänden gemacht. Georges Werk weist ruhig in einen anderen. George wird nicht erreicht von all diesem Aufwand, der nicht etwas ist, das ihn beschreibt; so wenig wie die Darbringungen der Gläubigen — wenn man bei dem Gleichnis bleiben will — die Madonna beschreiben. Der Interpret meint, er könne andere dahin bringen, wo ihm seine Gedanken herkommen, wenn die anderen diese unmittelbar und elementar ausgelösten Gedanken von ihm hören. Aber sie haben ihr e igenes Leben, sind eine andere Welt; und führen in allerlei Erkenntnis- und Beurteilungsräume hinein. Nie in die Stille, in der man einen Dichter hört. Nie in die Stille, in der man das „Jahr der Seele" vernehmen könnte. Diese Gedanken setzen sich bei dem, der nun ihnen zuhört, nie in die fruchtbare Bewegtheit, Erhobenheit, Aufgeschlossenheit um, aus 171