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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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MARIE LUISE ENCKEN DORFF INTERPRETATION VON GEDICHTEN Es gibt große Menschen, die wie erratische Blöcke in der Zeit liegen, in der sie leben. Sie kommen aus ihr nicht her, sie sind aus ihr nicht aufzufassen, sind nicht mit ihr zu verbinden. Ein solcher Alleinstehender ist Stefan George. Der fromme Diener seines Gottes - ein Mann von dem Schlage, wie wir Heutigen uns wohl die Propheten des alten Bundes denken müssen, die leben als Durchgang für Befehl und Stimme des Gottes, an den sie glauben, als dessen Werkzeug einzig sie sich sehen, in einer grandiosen Einfachheit ihres seelischen Zuschnitts in dem \ erhältnis zu diesem göttlichen Herrn. Der große Krieg war für George ein Strafgericht Gottes über die gemein gewordene .Menschheit. Als dieses (nicht etwa politisch), hat er ihn vorhergesagt. - Einer der Gewaltigen, Erschütterten. Fremd für Alle. Georges Weltanschauung ist ein fest geschlossener Kreis, der Form nach katholisch-dogmatisch-autoritativ; der Form nach. Es gibt nur eine Wahrheit und er hat diese Wahrheit, er besitzt sie, mit der notwendigen, herben, unabänderlichen Unduldsamkeit des Gesendeten; wer sich ihr nicht unterwirft, den hält die Hvbris, dem fehlt der fromme Wille. Der mittelalterliche Katholizismus sagt: den hat der Teufel. In diese Wahrheit gehört die Forderung des Schönheits-, des Erhobenheits-, des Würde-Durstigen nach Durchgöttlichtheit seelisch-geistig-leiblichen Menschentums, nach Gestalt, nach hohem, heroischem VI esen, das sich dem Gotte unterwirft. George ist der Zermarterte; von der Häßlichkeit des heutigen Menschen, von der Niedrigkeit der Sorgen heutiger \\ elt er ist es in dem Grade, daß er „die Vielen'* wegschieben muß, weil er sie nicht ertragen kann. Zuzeiten hat man wohl gesagt: Gottes Strafe gibt Elend und Nicht-Erhebbarkeit der Wesen für Sünden in früheren Existenzen oder in gegenwärtiger Existenz; so befreite man sich. George befreit sich damit, daß er sagt: sie zählen nicht, sie sind nicht; es ist seine Auskunft, sich mit dem Unüberschaubaren abzufinden. - Und möchte nun schon etwas Seltsames haben, wenn ein Mensch dem andern sagen sollte: du zählst nicht vor Gott. - Es ist ein neuer Band Gedichte erschienen: „Das Neue Reich.Mit Rechenschaft über bisheriges Erscheinen, mit dem Plan der Gesamt- 167

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