Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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sah diese Lage aus. Das Ich schwand nicht mehr unter der Lockung der Natur dahin; es hielt ruhig stand, als sei es jetzt selbst so mit Kraft der Natur durchtränkt, daß diese ihm nicht mehr fremd war. Die Empörung war verströmt, das Ich durch die außerordentliche Hingabe gleichsam entsühnt und selbst zum Rang eines echten Geschöpfes aufgestiegen. Das ist die noch heute andauernde Lage; die vierte Stufe. Freundschaft mit einer unverkrampften Distanz. Offenheit für alle heilenden, besänftigenden Kräfte der Natur, für alles Leben, das sich in ihr darstellt - aber Freiheit von jenen sehnlichen Zug- und Abstandsempfindungen, die auf einer ungesühnten Schuld gegenüber der Natur beruhen. Man bleibt wohl immer ein sentimentalischer Mensch, ein nervöser Charakter, wenn man einmal so schroff mit der Natur in Unfrieden war. Ich habe den Eindruck, daß da gewisse Vernarbungen bleiben, die niemals ganz verschwinden; und daß wir alle wenig Grund haben, uns unsere Sentimentalität44 gegenseitig vorzuwerfen, da wir alle, vielleicht schon seit vielen Jahrhunderten, mit den erwähnten Vernarbungen gezeichnet sind. Aber immerhin: zur Vernarbung läßt sich das, was einst Wunde war, bringen — und zwar auf der Linie, daß wir über die Scheidung von der Natur, über die Sehnsucht nach ihr und über die Versunkenheit in ihr hinausgehen, ihr in menschlicher Weise real gleich werden und von erfüllter Natur aus ins Kraftfeld neuer Anrufungen und Aufgaben treten. Diese erst können dann, wie mir scheint, von eigentbch religiöser Art sein. Denn echte religiöse Fragestellungen gibt es wohl nur von erfüllter, zum Rande gestiegener Welt aus. 166