Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit dieser ganzen Lage hing es zusammen, daß ich auch meinerseits gegen die Natur störrisch, widerspenstig, verbissen wurde, nicht nur gegen die Landschaft, sondern gegen alles im Sinn der Natur liegende \ erhalten : gegen jede Hingabe, gegen alles Strömen und Fließen. .Musik, als Aufforderung zum Mitgehen in einem bestimmten Takt, wurde mir anstößig. Ich weigerte mich, zu tanzen, aus innerer Unfähigkeit dazu. Ich empfand Grollgefühle gegen das Fruchtbringen in der Natur, ja gegen das Mutterliche überhaupt. Eine pathetisch aufgespreizte Bucheckernhülle, die ihre Frucht hergegeben hatte, war nahe daran, mich zu einem Gelächter zu reizen. Riß mir ein Windstoß den Hut vom Kopf, so lief ich ihm nicht nach, aus Trotz. Trotz und Hochmut, der Hochmut aller „gueus^erie"*, ergriff weithin von mir Besitz, durchwirkte meine ganze geistige Welt. Ich verliebte mich in Künstliches, ich ging überhaupt von da aus durch weite Bezirke der Widersetzlichkeit, der Auflehnung; und immer richtete sich diese Auflehnung so sehr gegen die Natur und alles Naturhafte, daß sie, mitten in ihrer unzweifelhaften Unfrömmigkeit, zuweilen ein ethisches Gepräge bekam: als Auflehnung gegen Leidenschaften - da diese ja das „Ich" zu überrauschen drohten. Leidenschaften waren unwürdig. Der Geist, gerade jener aus dem Naturgarten ausgesiedelte, aus dem Paradies vertriebene Geist lehnte sie ab. So geriet ich, einstmals in der Natur stehend, nun neben die Natur. Durchaus nicht etwa über sie. Denn als etwas Lngekanntes, Lnbewältigtes dehnte sie sich hart neben meinem ausgesiedelten Dasein, ein ständiger Vorwurf, ein Gegenstand von Groll, Neid oder falschern Hochmut. Es dauerte sehr lange Zeit, bis diese Lage sich herausgebildet hatte; und wiederum dauerte es lange, bis sie wieder abgebaut war. Zwar hängt der Mensch in sich grenzenlos zusammen, aber die Gliederung seines geistigphysischen Organismus ist dennoch so abgesetzt und es gibt so viele Kammern in ihm, daß es bei Umwälzungen immer sehr lauge dauert, bis alle Positionen vom neuen Sinn besetzt sind. Oft ist in der einen Region schon Triumph, während in der andern noch schwere Nachhutgefechte geliefert werden. Oft glänzt über dem einen Teil noch die Sonne, während von der anderen Seite her schon wieder Gewitter hereinschwellen. Der Mensch ist wohl weiträumiger als alles, was ihn ergreifen kann. Darum hält er auch Stand unter Ergreifungen, die ihn eigentlich zer- © C5 stören müßten, weil immer Regionen in ihm sind, die ruhig bleiheu. Lnd 161