Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823772--1148-2824963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
freilich fassen ihn darum auch Durchleuchtungen niemals so, daß sie ihn überall eines Sinnes machen; oder doch vielleicht eines Sinnes, aber nicht eines buchstäblich gleichen, homogenen Inhalts. Daher führen Umwälzungen in ihm nicht eigentlich Vernichtungen, Ausscheidungen bestimmter Elemente herbei, sondern neue Unter- und Uberordnungen; und so bleibt er in der Analogie zum Makrokosmos, in dem selbst das Böse niemals untergehen, sondern nur hinuntergehen kann — in die Unterwerfung. Ich sage das, um zu erklären, w7as alles an Einzeloperationen nötig war, um im Laufe langer Jahre die Mauer zwischen der Natur und mir zu Fall zu bringen. Das erste war eine Art Heimweh nach der Natur. Ich erinnere mich, daß ich an einem Wehr stand. Das Wasser des Flusses ging höher als der obere Rand des Wehrs, und so stürzten unaufhörlich pralle, schwere Wogen, gewölbt wie geblähte Segel, über das Wehr herunter. Das geschah mit völliger Besinnungslosigkeit, in einem einzigen begeisterten Gehorsam, in einer unfaßbaren Kühnheit der Hingabe. Die Fluten warfen sich festlich hinab, eine lachende, unbegreifliche Freude lebte in dem Dauersturz vom glasklaren Wogenkamm oben bis zum Vertosen und Versprudeln unten. Und ich, davor, in mein halb störrisches, halb feiges Zaudern gebannt, voller Bedenken und armseliger Ängste, immer knausernd und mich sparend in einem tauben Bettelstolz. Gespart wozu? Stolz auf was? Gespart zum Beckmesser der gewaltigen Freude, zum widerwilligen Zuschauer beim großen Fest; stolz auf eine Unergreifbarkeit, die doch vor der Hand nichts anderes war als eine schimpfliche, feige Armut. Wie mich hier das Wasser angesprochen hatte, so sprach mich ein anderes Mal ein Baum an. Er stand einsam auf einer freien Höhe, weitum das ebene, von einem Strom durchglänzte Land. Er hielt frei seine Zweige hinaus; frei, kühn und unausdenkbar leicht (von der spezifischen „Leichtigkeit" der Naturdinge war ich eine Zeitlang wie verfolgt, besonders von dem leichten Stehen der Baumzweige in der Luft und von der mächtigen Zartheit, mit der schwere Berge ihre Linien an den Horizont schrieben; und „Leichtigkeit" war auch hier die völlige Abwesenheit der unterbrechenden, gegenrhythmischen Einflüsse, des „geistigen" Zauderns. Schwer fühlte ich den Menschen in der Welt stehen, schwer war das Wort, 162