Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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enthielt eigentlich nichts weiter als die Behauptung: Ich! Aber dieses Ich war nicht meine Person, mein Leben, mein Individuum. Es war etwas durchaus Allgemeines, das in mein Haus von unten her (gleichsam von den Kellern her) eingebrochen war und sich alsbald in der bisher leer gelassenen — welch ein Versehen! aber es war doch so: leer gelassenen— Herrenstube eingenistet hatte. Es wollte sich fühlen. Und es fühlte sich: schmerzhaft, mit einer saugenden Kraft, ein böser Herr, der aber nicht vertrieben werden konnte, weil er im Hause genau an dem Punkte wohnte, der unzweifelhaft der Ort des Befehls war. Er hieß alles Leben im Hause, das bisher an den Fenstern gelehnt und fröhlich in die große Verschwisterung hinausgeblickt hatte, sich umkehren und nach innen starren; auf ihn. Ich sagte es schon, daß der Körper, die Sinne anfingen, zu ertauben. Es ging kein Leben mehr frei aus mir heraus; es wußte sich immer vom Rücken her fixiert und zur Umwendung, Inversion, aufgefordert. Und während die Natur draußen frei vor den Sinnen lag, vor gesunden Augen und Händen, mit allen ihren Farben, Hauchen, Tastreizen mich erreichend, war sie doch nicht da; war sie unwirklich wie ein Traum, den einer vergessen hat. Eine Scheidewand ging rings um mich her. Was an Empfindung hindurchreichte, war ein pelziges, taubes Ungefähr. Alles fühlte sich, in bezug auf seine geistig anerkannte Wirklichkeit, an wie Filz, wie eine trockene, ausgepreßte, saftlose Materie. Damit wurde mir die Landschaft zunächst stumpf, leer, taub und tot. Ich suchte sie zwar immer wieder auf; aber ich irrte in ihr umher wie jemand, der das Haus seiner Jugend hat aufsuchen wollen und nur niedergebrannte Ruinen findet. Ich blickte immer wieder die Natur an; aber ich verstand ihren Blick, den sie mir zurückgab, nicht, und statt einer Rede hörte ich von ihr nur blecherne Vokabeln ohne Sinn. Allmählich drang dann zwischen mich und sie der Schrecken ein. Die Natur wurde mir unheimlich. Mehrfach kam ich aus dem Wald eilenden Fußes zurück, weil mich drinnen die gehäufte Feindseligkeit so vieler Wesen in Angst versetzt hatte. Das nicht Verstandene wurde zur Maske, und die Maske erregte mich tief mit ihrer gespenstischen Leere. Gehäuse ohne faßbaren Inhalt, ragten Bäume, Felsen, Berge vor mir auf; jeden Augenblick, schien es mir, waren sie bereit, vor innerer Hohlheit zusammenzustürzen oder eine schwarze Feindschaft, die mit angehaltenem Atem hinter ihnen stand wie hinter Kulissen, auf mich loszulassen. 160