Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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beklettern kann, ist mehr wert als ein unzugänglicher. Ein Strauch, an dem Beeren hängen, ist schöner als einer, der bloß Blätter hat. Spazierengehen zum Zwecke des Landschaftsgenusses ist sinnlos; das leibhaftige Betasten, das wirkliche Ernstnehmen der Felsen, Bäume, Wiesen und Quellen, wie es im Spiel stattfindet, das erst ist Verkehr und Beziehung. So erst werden sie mir, dem Kind, wirklieh. Das wird wohl bei allen Kindern das gleiche sein. Dann kam eine Zeit, da begann die Natur, bisher willig, mütterlich und grenzenlos zugänglich, sich mit einem Male zuzusehließen. Ich merkte, daß ich aufgehört hatte, die Sprache der Geschöpfe zu verstehen. Das heißt: ich merkte, daß es in der Landschaft, mit der ich bisher gelebt hatte, nun etwas „zu verstehen gab4\ Alles wurde stumm, bis ins Herz. Jeder Baum wurde ein verriegeltes Haus, mit blinden Fenstern. In die Luft, die ich gemeinsam mit Tieren und Pflanzen atmete, trat ein grelles Mißverständnis. Wir kamen nicht mehr zueinander. Die Gestalten der Landschaft vermummten sich; ich sah sie nur noch dick eingehüllt von Fremdheit, mit Schrecken und Abweisung beschneit, unförmig verpackt wie schamanische Tänzer, unter grotesker Yerlarvung unkenntlich geworden und tief in Abgründen verloren. Ausgestoßen stand ich v or dem Bezirk, den sie bewohnten. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß auch ich in ihm gelebt hatte; jetzt erst, nach der Ausstoßung, sah ich, da daß ein Garten war, aber er zeigte nur seine Mauern von außen und nirgends ein Tor. Wie hatte es dazu kommen können? Es hatte sich seit langem ein Prozeß vorbereitet, eine innerliehe Katastrophe, die darauf zielte, das ganze Leben in mir auf den „Geist" zusammenzuziehen. Ich könnte in der geläufigen euphemistischen Sprache sagen: der Geist war in mir erwacht. Aber am Ort des Geschehens sah das anders aus, sah es zunächst sehr viel negativer aus. Das Leben zog sich nach innen, aber nur, um dort einen neu auftauchenden Ich-Punkt zu nähren, der dabei doch leer, bildlos und weltlos blieb; mächtig und herrisch, aber seltsam parasitisch, alles an sich reißend, alle Sinne vertaubend, das ganze Sehfeld entleerend, den Körper in eine hilflose, träge Masse verwandelnd - aber ohne eine andere Gegengabe, als daß er, der CS o Ich-Punkt, immer gewaltsamer aufglühte und sein Ich! Ich! immer greller über die erschrocken verstummende Welt schrie. Dieser Ich-Punkt