Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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WILHELM MICHEL DER MENSCH IN DER LANDSCHAFT Wir sind mitten in die Natur gestellt. Wir leben mit ihr, und namentlich als Landschaft ragt sie von allen Seiten in unser Dasein herein. Zwar ist Landschaft nur eine Zone, eine verhältnismäßig schmale Zone der Natur; denn die reicht ja vor allem auch durch den ganzen Menschen hin. Doch in der Landschaft tritt die Natur als ein objektiver, umgebender Lebensraum auf, scheinbar vom Betrachtenden unterschieden. In der Landschaft ist die Natur scheinbar ganz außer uns und ganz bei sich selbst. Und daran liegt es, daß wir unsere deutlichsten (um nicht zu sagen: gröbsten) Naturerlebnisse in und vor der Landschaft haben. Die Landschaft vertritt für viele die ganze erlebnisfähige Natur. Denn es gibt da ein Erleben. Und dieses Erleben ist der sprechendste Beweis dafür, daß zwischen Mensch und Natur ein echtes Gegenüberstehen sein kann, eine echte Entfremdung — bei so viel ungeheurer Durchdringung, fast Identität. Es gibt sogar Geschichte" (Historie) in der Beziehung des Menschen zur Landschaft. Es gibt in ihr abgehobene, umschriebene Perioden, deren Charakter zwischen Krieg und Verständigung steht. Und von diesen Perioden will ich hier sprechen, indem ich kurz der Geschichte meiner eigenen Landschaftsbeziehung nachgehe. Ich erzähle sie, nicht weil ich sie für besonders eigenartig, sondern weil ich sie für typisch halte. Diese meine Landschaftsbeziehung gliedert sich in vier Stufen. Auf der ersten Stufe, in der Kindheit, fand ich mich in die Gestalten der Natur eingereiht als in eine Schar von selbstverständlichen Lebensgenossen, als in ein Gefüge von vielfältig brauchbaren Requisiten, mit denen sich gut leben und spielen ließ; ohne Sehnsucht, ohne Abstand, ganz dinglich und körperhaft. Als Kind lebt man mit den Geschöpfen. Man versteht sie: aber mit einem Verstehen vor Auftreten der Verstehensfrage. Oder vielmehr, da „Verstehen4,4 schon den großen Widerstreit voraussetzt (Verstehen einer Sache den Weg verstellen, vertreten und sie so bezwingen): man „versteht" als Kind die Natur nicht, sondern man steht in ihr. Es fehlt das fälschende, melancholische, begeisternde Element der abgerückten Betrachtung. Der Verkehr mit den Geschöpfen ist realistisch. Ihre Werte stehen auf festen Stützen. Ein Baum, den man 158