Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1140-2824955
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

falls der Stock in die alte Gesellschaft passe, solle er dort bleiben. Daraufhin hängte die Wirtin den Stock in die Nähe der alten Uhr. Und siehe da, die Uhr blieb stehen. Natürlich auch der Wachsoldat. Und es war keine Möglichkeit, sie wieder in Bewegung zu setzen. Ein paar Schritte, dann stand wieder alles still. Da sagte die kleine Tochter des Wirts: „Mutter, die beiden vertragen sich nicht. Du mußt den Stock wo anders hin hängen!" Die Wirtin tat's, und die Uhr fing wieder an zu laufen. Natürlich auch der Wachsoldat. Einige Tage später kam ich in die Schmiede. Da sagte mir die Wirtin, wenn ich den Stock haben wolle, könne ich ihn haben. Wir hatten sie wegen ihrer Altertümer immer gut beraten, da wollte sie mir eine Gefälligkeit erweisen. Seitdem ist der Stock bei mir, und er hat sich bei mir noch nie als unverträglich bewiesen. Weil es nun einmal von Uhren geht, so sei auch dies noch erzählt: Der Freiburger Professor Alban Stolz hat in seinen Büchern öfters davon gesprochen, daß seine Uhr stehenblieb, wenn ein ferner Freund von ihm gestorben war. Er dachte sich das so, daß die Seele des Verstorbenen doch noch soviel Körper hatte, um wenigstens das fein abgewogene Verhältnis zwischen Zuggewicht und Pendel der Uhr zu beeinflussen und zu Mitteilungen zu benutzen. Die von ihm berichtete Tatsache ist aber viel richtiger und wichtiger als die von ihm versuchte Erklärung. Erklärungen sind nie erste Worte; sie sind die Eisenbahnweichen der Gedankenzüge, und mit ihrer Hilfe kann man den Zug lenken, wohin man will. Es sind auch zwischen mir und der mitgeteilten Beobachtung zuviel Zeit und zuviel Raum und zuviel Geist. Wäre Alban Stolz noch ein wenig einfältiger gewesen — das ist nun freilich für einen aktiven Professor geradezu verboten — so hätte er sich damit begnügt zu sagen: Die Uhr ist fähig, mehr Mitteilungen zu machen als bloß wie spät es sei. Er hat noch nicht darauf geachtet, wie sehr der menschliche Geist darauf aus ist, sich überall einzuschalten und so zu tun, als ob er alles selber gewesen wäre. In den Neusorger Häusern hängen meistens Uhren, die schier gar keinen Anspruch daraufmachen, die Zeit richtig anzugeben. Aber an eine Uhr stellten die Menschen diesen Anspruch, weil sie teuer genug war. Wie es auch immer zu erklären ist, in Neusorge dachte sie nicht daran, diesen Anspruch zu befriedigen. Und das war peinlich, da die Autowagen nach der Stadt und die Eisenbahnzüge in die Welt sklavisch nach der Bahn- 154

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.