Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1139-2824954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Doch bei Blumen und Pflanzen des Hausgärtleins oder des Fensterbretts drückt der Skeptiker noch eines seiner skeptischen Augen zu und versagt sich den ausdrücklichen Widerspruch, ein sicheres Zeichen, daß hier noch nicht die Gegend des ersten und einfältigsten Wortes liegt. Von Tieren weiß er selbst manche Geschichte zu erzählen. Kommt aber das Gespräch auf die „Sympathie" lebloser Wesen mit den Menschen oder miteinander, dann denkt er gleich an Andersens Märehen. In dem kleinen Schusterhäuslein an der Neuroder Straße, kurz vor den Eisteichen der Roterbrauerei, hatte sich jahrelang ein alter Spazierstock herumgetrieben. Er war aus einem Wurzelstück geschnitzt; der Grift hatte die Gestalt eines unheimlichen Vogels, und am Stab war oben, zwischen den Klauen des Vogels, die Jahreszahl 1617 eingekerbt. Da.^ Schusterhäuslein ist weit und breit bekannt durch sein schmuckes Aussehen und durch das von Blumen und Blüten wuchernde Gärtlein, das sich von dem tief am Rande gelegenen Hause zur Straße herauf zieht. Der nun siebzigjährige Meister sitzt fleißig auf seinem dreibeinigen Schemel, aber er fand doch immer Zeit, sein Haus mit neuen Farben und Schnitzereien zu schmücken und seinen Garten zu pflegen. Alles was Gott geschaffen hat in der weiten Welt, hätte er am liebsten in seiner kleinen Welt nachgebildet. Auch der alte Stock sollte seinen Dienst haben. Er wurde zu einer jungen Rose gesteckt, und er hielt sie tapfer, bis sie groß genug geworden war. Im Winter 1928 aber kam das Faschingsfest in der Schmiede, einem Wirtshaus an der Schlegler Grenze. Der alte, überall beliebte Meister hatte von jeher das freiwillige Amt eines Magister ludorum bei solchen Gelegenheiten, wobei ihn seine zahlreichen Söhne und Töchter und Enkelkinder, alles fröhliches Volk, lebhaft unterstützten. An diesem Fasching gedachte er nun seines alten Stockes, der zu seiner Maskerade paßte. Er sah so aus, daß der Stock denken mußte, er ginge wieder mit einem seiner ersten Besitzer aus dem IT. oder 18. Jahrhundert. Als der Meister nach dem Tanz heimging, blieb der Stock f t? im Wirtshaus. Die Wirtstube ist seit einigen Jahren geschmückt mit einer großen Zahl von „Altertümern", schlesischen Bauerntellern und schöngeschliffenen Gläsern. Das Regiment über diese Altertümer führt eine uralte Uhr, an deren Gehäuse, zwischen zwei Türmlein, ein tapferer Wachsoldat immerfort auf und ab geht. Die Wirtin ließ dem Meister sagen, daß der Stock zurückgeblieben sei. Der Meister ließ ihr antworten, 133

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.