Mannheim
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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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pumpen kann. Es ist dies keine Uberlistung, die sogleich alle Einfalt vergiften würde. Nein, wenn ich schon einfältig werde, dann brauche ich keine List dazu; da genügt der noch vorhandene Drang meines Wesens. Es ist aber rührend, wie prompt der Strom der Einfalt fließt, wenn er nur erst durch ein Kännlein Einfalt angeregt ist. Wie von einem Banne erlöst leuchten die Menschen in ihrem Angesicht auf und verbreiten dann über mich das Lob, das auch mir als das höchste gilt: „Mit dem kann man reden.'4 Ja sie entschuldigen sich sogar manchmal nachträglich, daß sie vorher „so" geredet haben; sie meinen: „so klug sein wollend66 oder „so skeptisch und kritisch" oder „so liberal66. Da sind vor allem die „kleinen Leute66, die von allen Ackergütern der Erde nur ein paar Beetlein am Haus oder gar nur ein wenig Blumentopferde auf dem Fensterbrett haben. Dafür können sie auch jedes Blättlein, das wächst, und jede Knospe, die ansetzt, beobachten. Und sie verderben ihre Beobachtung nicht wie unsereiner dadurch, daß sie etwas erforschen wollen; sie wollen sich nur freuen, und Freude verdirbt nichts auf der Erde. Diese Leute wissen, daß sie bei ihren Pflanzen weder mit Klugheit, noch mit Gewalt auskommen. „Es nutzt alles nichts, wenn man nicht ein wenig Liebe dazu hat66, sagen sie, und sie meinen dies keineswegs so, als ob die Liebe nur dazu notwendig wäre, die rechten Mittel und Mittelchen auszusinnen und mit genügendem Fleiß anzuwenden, sondern vielmehr so, daß das lieberfüllte Wesen unmittelbar auf die Pflanzen wirke und - Gegenliebe erwecke. In der Nachbarschaft ging ein Myrtenstock ein. Von seinen Ästen waren einige Zweiglein für ein Begräbnis abgeschnitten worden, vorsichtig und kunstgerecht. „Ja, da muß man ein schwarzes Trauerschleiflein an den Stock binden, sonst geht solch ein Myrtenstock ein66, so sagte einer der Nachbarn mit einer Nüchternheit, mit der er einem fiebernden Menschen Lindenblütentee zum Schwitzen angeraten hätte. Meine Mutter hatte viel Wermutstauden im Hausgärtlein, obwohl wir damals selten einen verdorbenen Magen hatten. Der Wermut überwucherte einen großen Teil des Gartens, aber meine Mutter, die sonst viel auf die Pflege des Gärtleins gab, rodete ihn nicht aus. Als meine Mutter starb, im nächsten Jahre schlug keine einzige Wermutstaude im Garten aus, und erst jetzt nach vielen Jahren gedeiht der Wermut wieder im Garten. 152

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