Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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für den Schreck der Erkenntnis, daß wir die Kreatur ansehen und messen mit Bildern und Maßen, die wir von wo andersher mitbringen. Ich gehe seither schon einen langen Weg. Es ist sehr schwer, durch das flammende Schwert der Cherubim hindurch in das Land Eden zu schauen. Erst in den letzten Tagen erschien in der „Theologischen Revue46 ein Leitartikel von Professor Joseph Schmidlin über „Kirchenkunde" als ein „im theologischen Unterricht wie in der literarischen Pflege neues Glied der Gotteswissenschaft". Das ist ein ganz sprechendes Beispiel für das langsame, zaghafte, tastende Zuschreiten von weither zu einem Ding inmitten der Kreatur, das doch wie ein babylonischer Turm über alle Völker hin sichtbar dasteht. Wir wohnen darin oder stehen an den Pforten oder fliehen es; Millionen suchen darin ihren Himmel; und da wird auf einmal gesagt: Wir haben noch keine eigentliche Kunde davon! Wohl, wohl, wir haben aus all den zwanzig Jahrhunderten, in denen man vom Bestehen der Kirche weiß, eine ganze Anzahl von Aussagen und Berichten über den Zustand der Kirche, über ihre Ausbreitung und ihre Tätigkeit, und im letzten Jahrhundert ist sehr viel statistisches Material aufgeschichtet. Aber als Schmidlin eine Vorlesung über Kirchenkunde halten wollte und sich mit „dem besten Spezialisten in diesen Fragen, der in der Quellenzusammentragung wenigstens für Deutschland relativ am meisten geleistet hat", dem Jesuiten A. Krose beriet, erklärte ihm dieser rundweg, es sei nicht möglich, eine derartige Vorlesung durchzuführen, „weil es nach dem derzeitigen Quellenstand für die außerdeutschen Länder ausgeschlossen sei, ein wissenschaftliches Bild von der kirchlichen Gegenwart zu bieten." Freilich denke ich: da ich vierzig Jahre lang mit offenen Augen und empfänglichem Herzen in der Kirche gelebt habe, kenne ich wohl die Kirche. Ich kenne sie aber nur soweit, als ich in sie hineingelebt habe. Es gab eine Grenze, von der aus ich sie nicht mehr erkennen konnte. Und die meisten anderen, die noch in ihr leben, kennen sie noch viel weniger; sie sind noch nicht einmal bis zu jener Grenze gekommen oder sind vor ihr zurückgewichen. Und doch wird außerordentlich viel von der Kirche gesprochen, als sei sie bis in ihr tiefstes Wesen bekannt. Wir haben ja doch die Kirchengeschichte! Und wir meinen, von der Kirchengeschichte aus müßten wir die Kirche bis ins Innerste hinein kennen. Von der Vergangenheit der Kirche her! Allein ist das nicht wieder ein ferner Ausgang und ein langer Weg? Erkennen wir nicht gerade 146