Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823772--1131-2824946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sein müssen. Irgend etwas Ernstes ist an dieser Tollheit. Ich habe Menschen kennengelernt, die ihre eigene Geschichte machten nach den Angaben der Kartenlegerin oder des Sterndeuters. Von oben her. Die Geschichte ihrer Vergangenheit legten sie sich so zurecht, und die Geschichte ihrer Gegenwart bestimmten sie so. Selbst in den Evangelien findet sich die Formel: Dies aber sagte oder tat Jesus, damit erfüllt werde, was der Prophet gesprochen. „Was der Himmel befiehlt, hat auf Knien zu geschehen64 — „Vater unser . . . Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!" Und wir glauben zu wissen, wie dieser \\ ille im Himmel geschieht; wir glauben, nur dafür sorgen zu müssen, daß er „also auch auf Erden" geschehe. Das vom Himmel wissen w ir, aber w ir werden immer unwissender, immer stärker wird das „Soll** und das „Sollte**, je näher wir der Erde kommen. Wir kommen vom Himmel her - vom Himmel der Sterne oder vom Himmel Gottes oder vom Himmel des GeUtes - mit Bildern, die von dort her geprägt sind, und pressen die^e Bilder aut die Dinge und Vorgänge dieser Erde, und siehe, es stimmt; wir sehen gar nicht, daß nicht alles stimmt; so sehr sind diese Bilder unsere Augen geworden. Ich bin einmal sehr erschrocken über mich selbst. Ich war aut einem Gutshofe nahe an der polnischen Grenze und sollte das Gutshaus malen und zugleich den Kindern des Gutsverwalters ein wenig das Malen beibringen, so gut und so schlecht, wie ich es selber vermochte. Das Gutshaus mit seinen weißen Wänden, seinem Zinnengiebel und seinem Ziegeldach stand bald auf der Malpappe so klar und deutlich, daß man schier hineingehen und darin wohnen konnte. Daneben aber stand eine alte, hohe Fichte. Ich legte sie an und begann die Farben aufzusetzen. Als der Förster die Malerei sah, sagte er: „Das Haus ist mein Haus, aber die Fichte ist irgendeine Fichte, nicht aber die Fichte an der Ecke des Gutshauses.** Ich sah schärfer zu: Stamm, Astwerk, l'mriß. alles war genau „nach der Natur** gemalt, aber es fiel mir jetzt selber auf, daß die von mir gemalte Fichte nichts anderes war als eine der vielen Fichten, die auf den damals in allen bürgerlichen Stuben als Zimmerschmuek D dienenden Öldrucken mit romantischen Berg- und Alpenlandschaften standen. Mit vieler Mühe suchte ich in den nächsten Tagen das wirkliche Bild dieser einen bestimmten Fichte zu erkennen, vermag aber nicht zu sagen, wieweit mir dies gelungen ist. Ich war ^chon dankbar n:>