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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die Leute wissen das und bringen mir allerlei Geschichtlein, die sie im Verkehr mit Tieren, Pflanzen und Gesteinen erlebt haben, immer mit dem Gedanken, ich könne solches für unsere Zeitschrift „Die Kreatur46 gebrauchen, die sich manche bestellen in der Hoffnung, solcher Dinge mehr darin lesen zu können. Es ist ja sehr bezeichnend, daß die Menschen geneigt sind, den Namen „Kreatur" zu beschränken auf Steine, Pflanzen und Tiere. Sich selber dazu zu rechnen, müssen sie sich erst zwingen. Und was unter ihnen umgeht, Liebe und Haß, Freundschaft und Feindschaft, Trost, Glauben, Hoffnung, Angst und Verzweiflung, das hätten sie am wenigsten in der „Kreatur" zu finden geglaubt. So sehr haben sich die Menschen erhoben über die Schöpfung; so sehr haben sie sich auf sich selbst gestellt; so tief haben sie sich in ein Übergeschöpfliches geistiges Reich hineingeträumt und hineindisputiert, daß ein langer Weg geworden ist zwischen den Menschen und der Kreatur. Eine Katze verläßt mehrere Male am Tage geheimnisvoll ihre Säuglinge im dritten Stock eines Großstadthauses. Schier unsichtbar weiß sie durch die nur gelegentlich geöffnete Vortür zu schlüpfen. Die Menschen sind neugierig und fangen an, sie zu beobachten. Entdecken endlich im Keller ein neugeborenes Hündlein, dessen Mutter auf der Straße überfahren worden war. Dem brachte die Katze getreulich den Uberfluß ihrer Milch. Von dem Bleichplatz eines Vorstadtgartens war eines schönen Frühsommertages ein kostbares geklöppeltes Spitzendecklein verschwunden. Die Wäscherin suchte den ganzen Garten ab. Als die Äpfel reif wurden, stieg ihr Sohn auf die Leiter, um sie mit vorsichtiger Hand zu pflücken, damit nicht etwa einer durch Absturz zu Schaden käme. Und siehe da: mitten im dichten Gezweig sah er ein Finkennest und darüber wie einen Himmelbettverhang das verschwundene Decklein fein säuberlich aufgespannt! Ich weiß nicht, warum ich mich so sehr freute und warum es mir so warm wurde um mein Herz, als mir eine großmütterliche Freundin meiner Bücher diese Geschichten schrieb. Ich hatte solcher Geschichten schon viele in meiner Knabenzeit gelesen und gehört, und sie waren durchaus nicht alle durch lehrhafte Absicht verdorben. War es nun eine selige Erinnerung an jene Zeit, in der ich noch keinen großen Unterschied machte 138

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