Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEPH WITTIG DER WEG ZUR KREATUR In der Grafschaft Glatz erzählen sich die Leute gern die Geschichte von einem Hirtenjungen, der trostlos weinend von der Weide heimkam. Der Bauer empfing ihn mit den Worten: „Junge, warum flerrst du denn Der Junge erwiderte: „Lachen werde ich doch nicht!" Darauf der Bauer: „Hat dir denn der Wolf ein Schaf genommen?4* Der Junge: «„Geben wird er mir doch keins!" Der Bauer: „Da werde ich dirs eben vom Lohne abziehen!4" Der Junge: „Zusetzen werdet ihr mir's ja nicht/" Der Bauer: „Mußt du denn immer das letzte Wort haben?*4 Der Junge: ..Das erste laßt ihr mir ja nicht!44 Die Grafschafter wissen genau, daß sie in dieser Erzählung ihre eigene Geschichte erzählen, denn sie sind ganz selig dabei. So verlaufen alle Dispute, die wo anders als beim ersten Worte begonnen haben. Da türmt sich eine Widerrede auf die andere; keiner der Disputanten kann zurück; er muß das Spiel verloren geben oder mit aller Macht und List versuchen, immer noch etwas darauf zu geben, um schließlich doch das letzte Vt ort zu haben. Es ist ein ungeheures Jagen in der Menschheit nach dem letzten Worte, und über dem ganzen Jagdlärm wird gar nicht bedacht, ob etwa das erste Wort vielleicht noch nicht gefunden sei. I nd wenn es einer gefunden hat, so läßt ihn die Menschheit gar nicht dazu kommen, es auszusprechen; sie meint ja, schon weit darüber hinaus zu sein: sie will nur noch das letzte Wort; sie will nur noch den Abschluß ihrer Diskussionen. Es ist immer wie ein Tadel, wenn von einer Untersuchung, einer Rede, einem Buche gesagt wird, daß sie keine abschließenden Ergebnisse gebracht haben. Niemand mag gern bis in die Gegend des ersten \\Ortes zurückgehen. Das erste Wort ist immer etwas ganz Einfältiges, und es w irkt peinlich, sich in seiner Nähe aufzuhalten und sich mit ihm einzulassen. Ich habe mich lange, allzu lange in den Gegenden der fortgeschritteneren Diskussionen aufgehalten. Nun aber habe ich ihnen abgeschworen. Abgeschworen dem Verlangen, das letzte Wort zu haben. Denn da geht es immer so wie in der Geschichte vom Hirtenjungen und vorn Bauern. Ich wandere suchend nach dem Lande, das vor allen Diskussionen liegt, und fürchte mich nicht davor, daß ich in immer größere Einfältigkeit hineingerate. 137