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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 110)
Language
German
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verdeckte den Geber und verdeckte die tiefen Gründe, aus denen die Gaben kommen, und wir wähnten, mit wissenschaftlichen Methoden alles erreichen zu können, was doch Reich Gottes war. Nun ist aber die Zeit der Erlösung gekommen. Die geschaffenen geistigen Mächte ordnen sich wieder an der rechten Stelle ein; es verziehen sich die Nebelgebilde, die uns die wunderbaren Abgründe Gottes verbargen; wir werden über die Grenzen der Wissenschaft hinweg ins Allerheiligste gezogen; aus toter Wissenschaftlichkeit, Geschäftigkeit und Gesprächigkeit kommen wir in den Raum des schweigenden Wartens und spüren, daß er erfüllt ist mit der Kraft, die wir bisher im Reden und Zureden und im berechnenden Tun gesucht haben. Die Erziehungswissenschaft bekennt sich auf einmal freudig zu dem Worte: „Der Mensch, das Geschöpf, das Geschaffenes gestaltet und umgestaltet, kann nicht schaffen. Aber er kann, jeder kann sich und kann andere dem Schöpferischen öffnen. Er kann den Schöpfer anrufen, daß er sein Ebenbild rette und vollende." Es ist eine Erlösung für den Menschen, daß er nicht Gott sein muß, sondern daß er sich als Geschöpf wiedererkennen und auf Gottes Werke warten darf. Alles andere ist Verzweiflung für ihn. Keine Wissenschaft endet so leicht in Verzweiflung wie die Erziehungswissenschaft; darum gelangte auch keine sobald zur Erlösung, daß sie Gottes Last auf Gottes Schultern lassen dürfe und daß sie keine andere Aufgabe habe, als Gottes Werk zu erkennen und zu verkündigen und darzustellen. Nichts in der ganzen Schöpfung ist so unerlöst, so nervös und zapplig gewesen wie die Menschen, und von diesen wieder keiner so wie der Erzieher. Es haben die Berge und Täler, die Flüsse und die Sandwüsten, die Felder und die Wälder, die Pflanzen und die Tiere alle ihre Aufgabe und ihre Stunde, aber die ganze Natur ist ein einziges schweigendes Warten. Der Mensch wird sagen, er stehe über der Natur. Aber steht nicht Gott noch über ihm? Und ist er nicht unendlich mehr als die Natur ein schweigendes Warten? Und zwar nicht aus irgendeiner Passivität heraus; er wollte das langsame Wachsen; er wollte die schier ewig langen Stunden. Keines Menschen Geduld hätte dazu hingereicht, an eine solche Langsamkeit auch nur zu denken. Der Mensch sinnt immer nur auf Überwindung der Wartezeiten; Gott hat sie geschaffen, er muß sie lieb haben; sie müssen etwas sein, wofür wir gar kein Organ haben. Warten ist kein untätiges Beiseitestehen; es ist die Tat: zu sein. Wie dem Schiläufer, so ist es dem Menschen leichter, von einem Ort zum anderen, von einem Wort zum anderen, von einer Tat zur anderen zu rasen, als plötzlich stillezustehen. Und jeder Pädagoge wird bezeugen, daß eine viel geringere Seelenkraft notwendig ist, immer wieder zu reden und zu ermahnen, schnell zu strafen und oft zu lohnen, als schweigend zu warten. Seine ganze Natur bäumt sich dagegen auf. Und doch weiß ein jeder, daß das schweigende Warten die gewaltigste Pädagogik ist. Es ist die Tat, zu sein, und das Sein hat allein erzieherische Kraft; zum Sein empor ringt sich alles Werden. Alle reifgewordenen Menschen denken gern an das schweigende Warten ihrer Erzieher; sie wissen, daß sie in diesen Stunden gewachsen 478

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