Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 111)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823780--0979-2824930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sind. Die Rede des Erziehers ist notwendig, aber sie vermittelt nur tropfeDweise, was das wartende Schweigen meeresweise gibt. Es muß eine Kommunikation sein in der ganzen Menschheit. Der Gedanke des Corpus Christi mysticum muß einen biologischen Unterbau haben, eine „heidnischeVergangenheit". Irgendwie lebt und wird und ist der Mensch im Mitmenschen. Da sind Kanäle, durch die in lautlosester Stille die Erziehung geht; sie scheinen untätig zu werden, sobald das Wort die Kräfte des Erziehers aufbraucht, dann aber wieder reichlich zu fließen, sobald der Erzieher zum schweigenden Warten übergeht. Diese lebenswirtschaftliche Verbundenheit der Menschen untereinander macht jeden Menschen zum Erzieher seiner Mitmenschen. Ich habe, unter dem Volke lebend, Gelegenheit zu beobachten, wie stark sich die Menschen erziehen durch schweigendes Warten. Jedes Wort erzieherischen Klanges würde als Beleidigung gelten und jahrelange Feindschaften erzeugen. Aber das stille Warten - „Die Nachbaren erwarten von mir, daß ..." - hat ganz starke erzieherische Wirkung, und jeder Erfolg dieses Wartens stärkt die Volkseinheit und den Frieden. Das Warten ist mehr als das, was man in der Pädagogik unter der Überschrift „Das gute Beispiel" behandelt findet. Es fließt von Mensch zu Mensch als Kraftstrom, ist nicht nur ein Bei-Spiel, nicht nur das Vorhalten eines Idealbildes, nicht nur ein Stern, auf den die Augen sich richten, auch nicht nur ein Fordern, sondern ein Geben und Erfüllen. „Die Mutter wartet ihres Kindes", wenn ihr Blutkreislauf auch noch ihr Kind durchrinnt, und dann, wenn sie es stillt, da rinnen noch die Ströme fühlbar oder sichtbar; sie hören nicht auf zu rinnen zwischen Menschheit und Mensch, sie werden nur unsichtbarer. Der Geist der lateinischen Sprache hat hier ein tiefes Geheimnis aufbewahrt; er bildete das Wort „Interesse", und wir haben es - freilich bis zum Überdruß — aufgenommen und sagen, daß wir ein Interesse haben an unseren Mitmenschen. Das kann nun gar nicht wörtlich genug gefaßt werden; im Ursprung der Sprachen galt auch immer nur der wörtlichste Sinn, und erst als der Geist der Lüge in das Paradies der Sprache eingedrungen war, verloren die Worte den ersten Sinn. Wir haben ein „Sein innerhalb" derer, die unser Interesse haben, ein schweigendes, ruhendes Sein. Wird dieses Sein aber ein Tun, ein Inter-ficere, m> warnt der Sprachgeist: er hat diesem Worte die Bedeutung „Töten, Vernichten*" gegeben. Das wartende Schweigen verträgt sich mit stiller Rede und regelmäßigem Unterricht, ja es gebiert zur rechten Stunde das rechte Wort. Ich möchte aber nicht sagen, wie lange die rechte Stunde auf sich warten läßt, denn ich stehe vielleicht allzustark unter dem Eindruck, daß besonders in geistigen Prozessen die artezeiten sehr lange sind. Neun Monate muß die Mutter warten, ehe sie ihr Kindlein gebiert. Ich glaube nicht, daß der Pädagoge sein Werk mit kürzerer Wartezeit tun kann. Aber sein Wort kann ihm in kurzer Zeit auf dem Antlitz stehen wie der Mutter die Mutterschaft, und der heilige Dienst beginnt. Freilich, das schweigende Warten bezahlt kein Staat und keine Kirche und keine 479

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.