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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 109)
Language
German
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JOSEPH WITTIG SCHWEIGENDES WARTEN Das Verhältnis der Wissenschaften zu ihren Gegenständen ist von jeher als ein Darumherum erkannt worden. Ihre Gegenstände sind wirklich Gegen-Stände: Sie stehen ihnen gegenüber, wenn nicht gar ihnen entgegen, locken >ie in ihre mittelbare Nähe, wehren sich aber gegen unmittelbare Annäherung. Die Wissenschaften selber machen es so, sobald sie zu Gegenständen, z. B. einer Geschichte dieser oder jener Wissenschaften oder einer neuen Wissenschaft werden sollen oder wollen. Eist wie ein Spiel, dieses Locken und Wehren, aber keine Tändelei; immerhin vergleichbar dem Spiel junger Tiere, in dem sich die Kraft und Gestalt zeigt und vermehrt und vollendet. Von der Wissenschaft bis zu ihrem Gegenstaude bleibt es immer so weit wie von der Umfriedung des Tempels bis zum Heüigtume. Wer sich immerfort an der Umfriedung festhalten will, bleibt zwar nahe dem Heiligtume, gelangt aber nie hinein, und wer ewig wissenschaftlich bleiben will, bleibt ewig ausgeschlossen von dem, was er mit heißer Begier umwirbt und erforscht. Es ist ein Sprung notwendig, und es ist ein Raum zu überwinden, der genau dort beginnt, wo die Wissenschaft endet. Es ist aber so, daß in dem Heiligtum Kräfte sind, die ausreiten können und über die Grenzen der Wissenschaft hinweg einholen, wen sie wollen oder wen sie müssen, damit er am Gastmahl Gottes teilnehme. Es ist wie ein „Drüben und Hüben" gleich dem vom Jenseits und Diesseits. Die Leute meiner Heimat sprechen oft: Es ist von da drüben noch niemand herübergekommen und hat uns was erzählt, wie es dort ist. Das sagen sie, obwohl sie an Jesus Christus glauben und daß er vom Jenseits ins Diesseits gekommen ist. Das scheinbar ungläubige Wort ist ein tiefgläubiges Wort: noch keiner konnte mit wissendem Wort die Brücke spannen; die Wissenschaft gehört ganz und gar zum Diesseits. So ist ein Himmel in allen Dingen, aber unsere \\ issen»ehaft reicht nicht bis zu ihm. Kein Wissen vom Brot kann uns ernähren, wir müssen es essen; und daß wir es essen, kommt von keiner Wissenschaft her, sondern von einem Ruf des Brotes nach uns und von einem Ruf aus uns nach dem Brote, von dem schw eigenden Warten aufeinander. Wenn einer noch kein Brot geschmeckt hat, kann ihm keiner sagen, wie es schmeckt; schriebe er auch die dicksten Bücher über die NX issenschaft vom Brote. Und die es geschmeckt haben, können es einander auch nicht -agen. Es gibt keine Worte dafür, sondern nur den Geschmack. Wenn sie aber gegessen haben, reihen sie das Brot unter die eßbaren Dinge, erkunden seine Entstehung und Zusammensetzung, sorgen für die beste Art der Zubereitung, begründen die Wissenschaft vom Brot. Die Wissenschaft ist der Dank des menschlichen Geistes für den Gegenstand, den sie behandelt. Wir wissen aus alten, heiligen Quellen, daß im Bereich der geistigen Schöpfung eine Empörung war. Die Wissenschaft tritt aus der Rolle der Dankenden heraus und stellt sich als die Gebende hin. Und wir Menschen ließen uns betören, und was sie nur danksagend umgeben konnte, nahmen wir von ihr als Gabe an. Sie 477

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