Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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Es mag das zunächst so scheinen, als ob da noch eine Lücke gelassen ist, als ob es außerdem noch darauf ankäme, daß der Kranke und der Heilfähige — der also auch in anderer Weise seinerseits desselben Wunders bedürftig ist - noch im rechten Zeitpunkt zusammentreffen müssen, da ja alle biologischen Abläufe irgendwie an die Zeit gebunden sind und nach einem innerlich bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich sind. Wir sehen aber überall, daß dieser Faktor nicht so wichtig ist, ja fast vernachlässigt werden kann. Denn die Labilität des Wesens an ganz bestimmten Stellen ist ja jedesmal von Anbeginn im Bauplan des ganzen Menschen festgelegt. Jeder kennt diese Stellen, wenn er sie auch nicht bewußt weiß. Und jeder sucht sowieso stets heimlich und unterirdisch den andern, „der unsere Hilfe ist in unserer tiefsten Not", wie es in dem Kirchenlied heißt, oder „der meines Wesens Quellen öffnet, daß mir das Herz überfließt", wie die Liebeslieder aller Zeiten singen. Und inzwischen hilft sich jeder so gut er kann mit der Hilfe, die Medizin und Lebenstechnik bieten können. So ist die Möglichkeit, daß das Ereignis eintreten kann, auf eine verhältnismäßig sehr große Zeitspanne verteilt. Und währenddessen geht das Suchen immer weiter, fließt wie ein unterirdischer Strom unter allem andern Leben dahin. Und dieses Suchen zieht den andern an — den Heiland oder den Gläubigen. So daß sie sich treffen müssen. Es ist, als ob die Zueinandergehörigen wie Sender und Antenne durch das Medium verbunden sind, in dem das Wunder sich vollziehen kann. Und als ob sie voneinander Kunde hätten durch eine eigens nur auf sie beide abgestimmte Wellenart, die durch alle andern hindurchgeht, ohne sie zu berühren. 476