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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 107)
Language
German
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Wie geschieht das Wunder? Es erfordert einen Kranken, der seine Krankheit bis ins letzte hinein aufgenommen, begriffen und ausgekostet hat. Der weiß, was sie bedeutet. Und der über den Zustand, aus dem sie kam und nötig war, hinausgewachsen ist und nun neue Kraft hat zu einem weiteren Leben mit anderen Bedingungen und anderen Nöten. So tief im Wissen muß das alles verankert sein, daß das dunkle Wort „Glauben64 es trifft. Es muß ein im tiefsten Herzen lebensgläubiger Kranker sein. Und der Heiler? Der Heiler ist stets ein Mensch, der selber aufs tiefste in seinem Gleichgewicht bedroht ist. Und deshalb um alle diese Dinge aus eigenster Not weiß. Der ein feines Gefühl für Gleichgewichtsverschiebungen hat und sie beim andern spürt, fast ehe sie geschehen, jedenfalls aber lange, bevor sie gröberen Augen sichtbar sind. Der also in diesem bestimmten gewissen Sinne „weissagen" kann, weil er an dieser einen Stelle ganz sicher weiß, was kommen muß. Und dem außerdem an einer Stelle seines Wesens Kräfte überquellen, die er abgeben muß, um das eigene tief bedrohte Gleichgewicht zu halten. Es mag dieses ein einmaliges oder dauerndes Überquellen an einer oder an mehreren Stellen seines Wesens sein. Entscheidend ist, daß der Heiler den Kranken, der von ihm diese Kräfte entgegennehmen muß, genau so nötig hat und genau so sucht wie dieser ihn. Und wie geschieht das Wunder? Indem die Kraft von einem ausgeht und in den andern einfließt und beide davon tief körperseelisch berührt und betroffen werden. Wie ist die Lage des Kranken, der den Heiler nicht findet? Er wartet, verschiebt die Krankheit und wird suchen gehen. Er wird andere ungeeignetere Persönlichkeiten finden, vielleicht sich ihnen öffnen und dann an der ausgebliebenen Heilung, an dem vergeblichen Sichgeöffnethaben tiefer leiden und schwerer tragen als vorher an der Krankheit selbst. Wie Verblutete und Geschändete sind solche Kranke, die sich verführen ließen, die sich vertrauend geöffnet und entblößt haben, ohne daß das Wunder kam. Denn ihre Gläubigkeit ist von so hinreißender Wucht, daü sie vieles mitreißt, und es kann tödlich sein, wenn sie verschüttet wird. Andrerseits: was geschieht dem Heiler, wenn er den gläubigen Kranken ni ht findet? Andersartige, aber ebenso unerträgliche Not. Er wird auch suchen gehen müssen. Sind nicht alle Heiler und Heilande von Mensch zu Mensch gewandert? Und was geschieht, wenn sie den Gläubigen nicht finden? Sie werden sich verschließen und hart werden an dem Ubermaß der sich in ihnen stauenden Kräfte oder sie werden sich verschwenden an Unwürdige, Unpassende, und an dieser sinnlosen Verschwendung zugrunde gehen. Denn sie sind angewiesen darauf, diese Kräfte abzugeben und dafür das diesen Kräften gleichwertige Äquivalent, eben jene dunkt-l mit „Gläubigkeit" bezeichneten Strahlungen, aus dem andern zu empfangen für ihr eigenes Leben. Nochmals zu sagen ist: Es handelt sich bei diesen Ausführungen nicht um einzelne Erkrankungen und um das Wiederleistungsfähigmachen von leidenden Patienten, sondern um die Krankheit des Glaubenden und um die Heilung durch den, der seiner seelischen Zugehörigkeit nach dafür bestimmt ist. 475

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