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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 106)
Language
German
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EDITH KLATT ÜBER KRANKSEIN UND HEILEN Wer ist krank? Wer an irgendeiner Stelle seines Leibes oder Wesens so getroffen wurde, daß sein Gleichgewicht erschüttert ist, daß er Ruhe braucht — und vielleicht auch Pflege - um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Wodurch kommt man wieder ins Gleichgewicht? Von selbst oder durch andere. Es gibt Kranke, die sich „zurechtschlafen", die Alleinsein, Einsamkeit brauchen und in dieser Einsamkeit dasjenige aus sich selber heraus schaffen, was ihr Gleichgewicht wiederherstellt. Wobei zu beachten ist: Nicht etwa das, was ausgeschieden wird, was gewissermaßen „zu viel" ist oder „heraus muß", ist die Krankheit. Man kann verschlackt sein - solange man das Gleichgewicht in der Hand behält, bleibt man „auf dem Damm". Erst die Erschütterung, die den Boden unter den Füßen wegzog und die Herrschaft über das Leben aus der Hand nahm, lockert zugleich die Herrschaft über jene Abbauprodukte. Die spuken dann im Körper herum und machen die Krankheit „schlimm" und „gefährlich", aber sie sind nicht die Krankheit. Deshalb wird man auch durch reine naturgemäße Lebensweise zwar sich durchaus davor schützen können, daß man sehr viele Abbauprodukte mit sich herumschleppt, und wird die Krankheit — wenn sie ausbricht — leichter, körperlich erträglicher gestalten können, man wird aber nicht auf diese Weise die Krankheit aus der Welt schaffen. Solange der Mensch sein Gleichgewicht hoch über der Erde auf seinen Beinen und hoch über den Tatsachen des Lebens auf seinem Tun und Willen balanciert, wird er Erschütterungen dieses Gleichgewichts, also Krankheiten, ausgesetzt sein. So gibt es also zweierlei Kranke: solche, die die gleichgewichtserhaltende Kraft aus sich selber produzieren, und solche, die darauf angewiesen sind, daß ihnen von andern Menschen dabei Hilfe geleistet wird. Diese „Heiler" — was sind das für Menschen? Es sind einige unter ihnen, die nur für einen bestimmten Andern oder für einen bestimmten Menschentyp us Heilkräfte bereit haben. Und es gibt solche, die vielen verschiedenartigen Menschen Kräfte zuströmen lassen können. Einen Heiler für alle Menschen gibt es wohl nicht. Und so ist „allgemeine Menschenliebe" wohl eine biologische Unmöglichkeit, denn Gefühle, die die Allgemeinheit umfassen, können nur aus dem Geistigen, nicht aber aus dem Biologischen stammen. Wohlgemerkt, es ist die Rede von „Heilern", Heilanden, nicht von Ärzten und Medikamenten. Diese letzteren sind überall da am Platze, wo es sich nicht um die Krankheit des Betreffenden handelt, sondern um eins seiner Leiden. Um eins vielleicht, das an einer bestimmten Stelle seines Körpers unerträglich geworden ist und auf eine andere Stelle geschoben werden soll, eine, die leichter oder mehr ertragen kann. Oder auch dort, wo es sich um allgemeine Reinigungsprozesse handelt. Diese einzelnen Formen und Anfälle des Leidens können durch Arzneikuren abgeschwächt und gelindert werden. Die wirkliche Krankenheilung dagegen ist ein Wunder, das selten und nur unter besonderen Umständen geschieht. 474

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