Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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geistiges Geschehen nur dies, daß, was im kranken Menschen geschieht, im Arzt geistig wiederholt und so seiner letzten Bestimmung zugeführt wird. Krankheit ist ein Examen, aber auch ein Unterricht; es wird geprüft, aber auch mitgeteilt. Wissen und Wissenschaft gehört zur Medizin, weil man die Krankheiten dann besser beherrschen kann. Aber man kann sie doch nur besser beherrschen, weil sie selbst vom Geschlechte des Wissens und Nichtwissens sind, weil Krankheiten Bestandteile der Wissens werdung, des Wahrheit* - weges sind. In diesem Sinne gehört der Zustand und Beruf des Arztes mit zur Krankheit; er ist ja nur Arzt, wenn er am Patienten krankt, wenn dessen Krankheit sich in ihn hinein fortsetzt und seine Organe mitergreift. Der „Sinn der Krankheit46 ist nur vom Kranken aus realisierbar, vom Arzt aus darf er nicht gefordert werden. Dem Kranken darf dieser Sinn nur ein Heil, dem Arzte nur eine Not sein. Moraltheologische Grausamkeiten wie die, daß Krankheiten von Gott gesandt seien, damit jemand an ihn glaube, haben wirklich nur dann eine Wahrheit, wenn der Glaube auch wirklich gesund macht, wenn ein pathologischer Organprozeß heilt, oder stillesteht, indem ein Mensch seine Wahrheit findet; wenn das Wunder im eigentlichen und wörtlichen Sinn geschieht. Wenn das Geglaubte auch ein wirklich Erkanntes ist. Eine sonderbare Form des Nichtglaubenwollens besteht darin, daü man vom Wunder die Paradoxie, das Abergläubische verlangt: es soll zu den Naturgesetzen im Widerspruch stehen, es soll die geltenden Naturgesetze umstoßen - als ob die Umstürzung solcher Ordnungen göttlicher wäre als ihre Bewährung. 473