Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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als Seele, als Ich oder als Charakter-in diesem Augenblick entsteht eine falsche Lehre vom Menschen. Er wird dann gedacht als ein Wesen von Größe, Oberfläche, Gewicht, Funktion, Trieb, Bewußtsein, Eigenschaften und Fähigkeiten aller Art. Alle diese Erkenntnisformen sind, zu ontologischen Urteilen umgebildet, sogleich auch Fehlurteile, Falschbilder geworden. Nach ihnen wäre der Mensch ein Wesen in Grenzen des Raumes und der Zeit; er ist aber unbegrenzt, sowohl im Raum wie in der Zeit, und ist vielmehr selbst Grenze. Nach ihnen wäre ein Mensch auch ein Wesen der Zahl nach, hätte ein Bewußtsein der Identität nach - als ob er nicht sich teilte und zeugte, als ob er nicht wüchse und zerginge, als ob er sich nicht wandelte. Wie eine Möwe ist er zwischen den Elementen, bald in die Lüfte steigend, bald ins Wasser tauchend, eigentlich zwischen beiden nur den Spiegel streifend. Wie auch sie vielleicht ist der Mensch Fleisch und Geist, durch beide, in keinem; überall ist eines durch das andere, nie ist eines allein. Hier also entsteht eine Lehre der Erfahrung, deren „Anfang" ein immerwährender in der Berührung von Hand und Auge, von Ohr und Seele sein muß; eine Lehre von der Weggenossenschaft von Arzt und Patient nicht trotz und gegen Technik und Rationalisierung, sondern durch und mit diesen. Es wird dann sichtbar das Urphänomen in allem pathologischen Geschehen: die Verknüpfung von Krankheit und Wahrheit, von Leiden und Wissen. Es wird dann zu überwinden sein die gleichsam noch immer heidnische Anschauung von der Krankheit als dem Bösen. Fremden, Zufälligen, als dem vom „Gott" der Notwendigkeit oder dem Zauberer Zufall Geschickten; statt dessen wird Krankheit nichts anderes sein als jenes „Seufzen der Kreatur", als jener freilich „notwendige", aber nur zu Gott hin gewendet, auf Gott hin gedacht notwendige, vor keiner Welt und vor keinem Gesetz der Natur notwendige Zustand seiner Geschöpfe. Nicht als ob wir krank sein müßten, um zu lernen, nicht als ob die Frucht vom Erkenntnisbaum die Ursache der Krankheit sei. Sondern: Krankheit ist wirklich die von Fall zu Fall geschehende Anerbietung eines Wissens um die Wahrheit. Von hier aus darf man sich wohl so ausdrücken: Krankheit ist erfahrbar als dies, daß durch ein Körpergeschehen eine Bewußtseinsentwicklung geschaffen wird. Aber man muß dazu sagen und sagt damit dasselbe, daß Krankheit als ein durch eine Bewußtseinsentwicklung geschaffenes Körpergeschehen erfahrbar sei. - Auch unsere Heilkunde ist als ein 472