Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0969-2824920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
was mit den Blättern des Fingerhuts gewirkt werden kann, wann und wo eine bestimmte Operation möglich, nötig, nützlich oder wahrscheinlich das beste Mittel ist. Über den vorzüglichsten Bestand der Lehre hinaus muß dann der ärztliche Gedanke entwickelt werden, und es soll als selbstverständlich gelten, daß mit dem lehrbaren Wissen von den pathologischen Naturvorgängen und den erprobten Behandlungsmethoden nicht alles genannt sei. Mit einem Worte: die Grenze der Medizin soll so verlegt werden, daß sie auch noch das Gebiet der eigentlichen Krankengeschichte umfaßt. Es soll kein Leiden, keine Not geben, welche sie nicht umfasse, sie soll sich an diesem ungeheuren L mfang wenigstens im Geiste 7 o o erziehen und ihr Auge üben an der Totalität alles dessen, was Hilfe fordert. Sie soll die Grenzen der Fakultäten für einen Augenblick niederlegen und sich öffnen für den ursprünglichen Zusammenhang aller Not des Menschen. Denn nur von hier aus kann sie ganz offen und frei werden, um die Erfahrung in sich einzulassen, welche hinter den Beobachtungen der Schule den Kern der eigentlichen, der wirklichen Krankengeschichte sichtbar, einsehbar macht. Diese Erfahrung und ihre Stufen kann sich nicht in anderen Geboten und Gesetzen bewegen als das menschlich;4 Leben überhaupt, und man kann Gesundheit wie Krankheit nur von einer Erfahrung des Lebens aus verstehen, nicht aus sich seihst. Die Geschieht * einer Gesundheit ist der einer Liebe, eines \\ erkes, einer Gemeinschaft oder Freundschaft ähnlicher und wesensverwandter als etwa dem Ablauf einer chemischen Reaktion oder dem Vorgang einer physiologischen O C? I o Erregung. Gesundheit hat mit Liebe, Werk, Gemeinschaft und Freundschaft die Bejahung gemeinsam, die eindeutige Richtung, die nicht umgekehrt werden kann. Man darf nicht Arzt sein und irgendwo oder -wann die Gesundheit, und mit dieser das hierseitige irdische Leben verleugnen oder entwerten, und es genügt nicht, die ärztliche Aufgabe negativ als Bekämpfung der Krankheiten zu umschreiben. So kann man die Fehler jener Arzte auch ausdrücken, indem man sagt: es war keia positiver Begriff der Gesundheit da, welcher die eigentliche Krankengeschichte zu erkennen, sie tüchtig gemacht hätte. Es genügte nicht zu sagen: „Es ist nichts da" oder „Es ist etwas Nervöses da** usw. Wir können jetzt zusammenfassend auch sagen: weder der moralische Eifer, noch die Fülle der Energie, noch die auf den Gebrauch der Intelligenz verzichtende Anerkennung und Verwertung anonymer vitaler oder 169