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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 100)
Language
German
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fahrenen noch eine unfaßbare Kraft stecken müsse, so können wir alles dieses nicht geradezu widerlegen, aber doch auch nicht planlos und bloß gefühlsmäßig behaupten - welchen Täuschungen, welchen Niederlagen wären wir unterworfen, wollten wir solche dunkle Kräfte und solch unfaßbaren Drang wirklich und ernstlich einsetzen in das Gefüge unserer Überlegungen, unseres Handelns. Solche Annahmen von Lebenstrieben, Selbstheilungen, magischen oder dämonischen Naturkräften haben zwar auf einer gewissen Stufe der Erfahrung den Rang verbindlicher Erkenntnis. Aber sie haben, verglichen mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, weder höheren noch geringeren Anspruch, die Wirklichkeit der eigentlichen Krankengeschichte auszudrücken. Wo von dieser die Rede ist, da müssen wir uns abwenden von jener magischen, dämonischen, vitalistischen, irrationalen, überhaupt von jeder substantiell und ernst genommenen Hinter- und Unterwelt, welche das Vorrecht genösse, stets und unabänderlich dem Lichte und der Vernunft entzogen zu bleiben und so einen unberührbaren Freiplatz gegenüber den Ordnungen des Geistes besäße. Niemals kann das ungöttliche Geheimnis des Triebes oder Dranges und der losgelöst umherströmenden Schöpfungskraft eine besondere Verehrung oder Demut heischen. Wir wissen, daß Hingabe an diese puren Kräfte ebensowohl Beglückung schenkt, wie ihre Ubermacht Angst bedeutet. Und wir wissen, daß Form und Gesetz sowohl ein Gebotenes, wie ein Verbotenes sein können: es kann ihre Erfüllung, aber auch ihr Bruch aufgegeben sein. Das Vermögen der Erkenntnis ist den unsichtbaren Gewalten des Triebes und Dranges wie den sichtbaren der Normen und Gesetze nicht feindlich entgegen sondern eingeboren: die wahre Intelligenz will dasselbe wie sie. Im Gebrauch dieser Intelligenz erfährt der Kranke und sein Arzt nun jene Stufen der Erfahrung, welche die „eigentliche Krankengeschichte" aufbauen. Gewiß kann der Kranke auch ohne Arzt sie durchschreiten; dann ist er sein eigener Arzt: eine seltene, kostbare Fähigkeit zur Selbstbegegnung, an der wir für die gegenwärtige Aufgabe aber nichts wesensmäßig anderes lernen würden, als an der zugänglicheren und alltäglichen Geschichtsbildung in der Beziehung zwischen Kranken und Arzt. In einer solchen Betrachtung soll es sich aber immer von selbst verstehen, daß, was die Wissenschaft gefördert hat und die Kunst lehrt, dem Arzte auch zur Verfügung stehe; daß er gelernt habe, daß, wie und 468

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