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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 98)
Language
German
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kann, was vielmehr Werden bleibt. Diese Monographie enthält immer nur diese einzelnen Krankengeschichten. Aber sie spricht nicht von der Krankheit, sie spricht nicht von der Naturgeschichte dieses speziellen Falles, sondern von seiner intensivsten, äußersten, wahrsten und wirklichsten Wirklichkeit für das Leben dieses Menschen oder den Tod dieses Menschen. Sie ist nicht die Beschreibung des Krankhaften, das objektiv passiert ist - nicht Nosographie - sondern sie ist die Betroffenheit des Lebens selbst in dem Kranksein; dieses Leben selbst kann immer nur das Leben dieses wirklichen Menschen sein. Aber nicht auf seine Einmaligkeit, Unverwechselbarkeit, Individualität kommt es dabei an, sondern auf seine Wirklichkeit. Sein Individuelles, Eigentümliches, Differenziertes ist zuletzt doch immer ein viel Typischeres, Gesetzlicheres, als wir glauben möchten. Gerade seine Züge, seine Beschaffenheiten, das Datum und die ganze Kasualität an ihm ist belanglos. Und was an ihm kollektiv, allgemeingültig, natur- und seelengesetzlich ist, das hat Erkenntniswert „für uns", aber nicht Lebenswert für ihn. Seine Wahrheit kann weder nur individuell noch nur generell sein, denn sie muß seiner Wirklichkeit gelten: muß seiner Not ein Wissen bringen, wie auch seinem Wissen die Not nehmen, ihm helfen hieße. Jede Vorwegnahme aber einer „Idee46 des Menschen, jedes Antreten einer Erbschaft ohne eigenes Schaffen kann hier einen Raub am Kranken bedeuten, eine bloße Fremdherrschaft oder Selbstdarstellung des Arztes und seiner Wissenschaft, keine Erzeugung der eigentlichen Geschichte des Kranken. Wir müssen so leise, wartend, aufnehmend, hinnehmend an ihn herantreten, wie sonst kein Beruf es von uns fordern würde, und wir müssen in einem noch viel eminenteren Sinne, als irgendeine Wissenschaft dies jemals tun könnte, uns erfahrend, empirisch verhalten. Jede Wissenschaft hat die gebundene Richtung einer Frage, eines experimentellen Arrangements, und jeder Beruf hat die gebotene Form einer Überlieferung, einer Tradition und Institution. Es kann daher geschehen und geschieht fortwährend, daß in dieser gebotenen Form und ihrem Lärm jene leiseste Frage, die aber die wichtigste sein kann, unhörbar wird, so daß sie weder im Kranken als Frage anklingen noch im Arzt die AntMort laut werden kann. In diesem Augenblick gleiten sie nun beide von der eigentlichen Krankengeschichte ab und machen jetzt zusammen eine künstliche. Sie exemplifizieren jetzt eine Idee des 466

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