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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 97)
Language
German
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den neuen Arzt wird, der ihm sein Innenleiden nicht nimmt, sondern der sein Außenleiden statt dessen „behandelt", damit die Frucht seines Hasses noch hegend und pflegend. Alle vernünftigen Leute sind jetzt mit ihm einig, daß er ein armer Kranker sei, dem doch etwas im Leibe fehlen muß, und der Ausgang in Vereiterung gibt ihnen recht. Die objektive Naturgeschichte ist so das, was die erzählte Wahrheit des Hergangs überkrustet und zuletzt in den Augen aller Lügen straft, welche nur etwas von der objektiven Naturgeschichte wissen wollen und blind sind gegen die Wahrheit, die in dieser Geschichte steckt oder vielmehr in ihr waltet. Diese Wahrheit der Krankengeschichte also ist ihre eigentliche gewesen, bis zu dem Augenblick, da man den Chirurgen rufen mußte, da alle Realität der Situation in die leibliche Bedrohung des Lebens übergegangen war. Von den Gestalten der eigentlichen Krankengeschichte reden wir also im Gegensatz zur äußeren oder naturwissenschaftlichen Krankengeschichte. Der Arzt begegnet nun dem Kranken ebenso oft im „eigentlichen" wie im naturwissenschaftlichen Stadium. Besser ausgedrückt: hinter dem Naturvorgang, der mit den Mitteln objektiver Erkenntnis wissenschaftlich erfaßt und (auch vom Kranken) gegenständlich gedacht wird, spielt sich jederzeit die Krankengeschichte ab, in welcher dieses Erfassen und Denken unabtrennbarer Bestandteil eben der Geschichte des Kranken ist; denn sein Erfassen und Denken tritt selbst als geschichtliche Macht der Krankheit auf, verschlirnniernd oder heilend, je nach der Richtung, welche es nimmt. So ist es dann ganz sinnlos, in der eigentüchen Krankengeschichte von einer objektiven Diagnose neben der Therapie, von einem Erkennen, abgesehen vom Behandeln, zu sprechen, da vielmehr jedes Erkennen (verschwiegenes und gesagtes) schon Behandeln ist (falsches oder richtiges). Freilich entsteht der Schein, als könne man erkennen ohne schon zu behandeln, dadurch, daß man glaubt, ein Arzt könne das Erkennen durch Verschweigen zurückhalten und sein Behandeln auf hörbare, sichtbare, fühlbare Handlungen einschränken. Aber Schweigen ist ebenso wirksam wie Sprechen, L nterlassen ebenso wirksam wie Tun. Und alles dies gilt auch für den Kranken, sein Gespräch mit sich selbst, sein Handeln an sich selbst. Welches ist nun der Weg, zur eigentüchen Erfahrung zu gelangen? Ein solcher Weg ist die Weggenossenschaft von Arzt und Kranken und in ihrer Monographie enthüllt sich, was man niemals objektiv darstellen 465

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