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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 94)
Language
German
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Vielleicht enthält aber der Ausdruck, daß jede Not ein Wissenwollen ist, bereits eine Korrektur der Behauptung, daß es ein Wissensverlust sei, was die Not schafft; denn: ist das Verlorene eigentlich ein Wissen gewesen? und ist das Wiedergewußte dasselbe wie das Verlorengewesene? Gewiß ist nur soviel, daß in der Not dies Fragende enthalten ist, daß im Wissen Linderung kommt und daß so in allem Leiden eine Frage an die Wahrheit, in allem Helfen eine Antwort darauf liegen kann. Unsere Krankheiten haben etwas mit unseren Wahrheiten zu schaffen. In unseren Zuwendungen zur Krankheit kann auch Neugier, also ein Spiel mit der Wahrheit, und in unsern Wegwendungen von der Krankheit kann Angst vor der Wahrheit hegen, also in jenem Spiel und in dieser Angst doch immer eine geheime Beziehung auf Wahrheit. Hier stoßen wir also wieder auf jenes beunruhigende Thema: was ist denn dies, wodurch die Not nicht nur eine Not, sondern auch ein Wissenwollen wird, wo hängt denn das Kranksein mit dem Abgeschnittensem von Wahrheit oder Erkenntnis zusammen? Darüber kann man sich nun freilich wieder Gedanken machen. Man kann das Thema psychologisch oder spekulativ, man kann es moraüsch, theologisch oder philosophisch behandeln. Daß man alles dies auch kann, würde aber immer nur bedeuten, daß sich die Verkettung von Not und Wissenwollen immer neu bestätigt: alle jene Gedankenbildungen würden das Geheimnis zunächst nur wiederholen, nicht aufdecken. Freilich wird man, wenn man der Not- Frage ihre Antwort auf solche Weise gibt, eine neue Erfahrung machen: jene psychologischen, moralischen oder theologischen Antworten können die Not heben - aber sie müssen es nicht. Und so wird sichtbar, daß nicht genug getan ist mit solchen Antworten; man wünscht jetzt zu erfahren, wovon es denn eigentlich abhing, ob derlei Antworten „befriedigen46, „helfen44, „lindern44, „heilen44, „befreien44, oder ob sie alles dieses nicht tun. Es zeigt sich, daß noch etwas anderes da sein muß, was darüber wacht, ob all dieses Denken,Glauben, Erkennen, Fürwahrhalten auch der Not gilt oder nur sich selbst. Das freilich wissen alle, die lehren, belehren, zureden und einreden, daß der Hörende die Erkenntnis und die Wahrheit annimmt oder ablehnt; wo mehrere hören, sind fast immer solche dabei, die nicht annehmen. Aber unter den Sprechenden wissen sehr viele nicht, daß unter den Hörern, die annehmen, wiederum solche sind, von denen trotz des An- 462

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