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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 93)
Language
German
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Von nun an steht er sich selbst im Wege, denn er verliert etwas aus seinem Bewußtsein. Er wird unwissend gegen etwas, worin er früher wissend war, und hat den Faden verloren, an dem entlang er vorwärtsgehen konnte; er tritt jetzt gewissermaßen auf der Stelle. Auch als der Prozeß verloren ging, wurde er ein anderer; nur hat er jetzt keine Schmerzen mehr, ein Symptom ist verschwunden. In einem anderen Fall hätte diese „Heilung66 auch von einem Glücksfall kommen können. Beide kamen nicht rechtzeitig, und in gewissem Sinn kam die Katastrophe und die Operation auch zu spät. Das Symptom ist weg, aber der bösartigverbissene Charakter bleibt: als Charakter tritt er auf der Stelle, mit dem Wissenwollen ist auch die Veränderlichkeit verschwunden. Auf irgendeine Weise verläuft aber jedes menschliche Leben auf diese Weise, auch das von irgendeinem Urteiler als „harmonisch66 bezeichnete. Das Paradoxe ist nicht, daß ein fortwährender Wissensverlust aus dem Bewußtsein stattfindet, sondern daß dieser Wissensverlust die eine Seite der Persönlichkeitsgestaltung macht. Es kommt jetzt nur darauf an, was für ein Wissen der Einzelne jedesmal verliert, und was das überhaupt für eine Art von Wissen ist, die hier gemeint ist. Davon hängt ja offenbar auch ab, ob eine Not entsteht, die dem Arzt zutreibt, der vielleicht ein bestimmtes Wissen noch nicht verloren hat, und der es wieder geben kann. Freilieh wird auch beim Arzt derselbe Vorgang des bildenden Vergessens stattgefunden haben; es kommt also wohl darauf an, daß er etwas, was der andere verlor, noch oder wieder besitzt. Das W ort ,,So ihr nicht werdet wie die Kinder" hat nicht die Bedeutung, daß dem Unwissenden als solchem Hilfe kommt, sondern die, daß im Gegenteil ein verlorenes Wissen — das kindliche - wieder kommen muß, wo eine?Sot herrseht. Das gilt auch von der Not, die den Archäologen, den Physiker, den Biologen hintreibt zu dem Teil seiner selbst, den ervergessen" hat. Der Drang und die Not, es wieder zu erfahren, ist die zu lindernde Krankheit des Daseins. Womit der Mensch sich selbst im Wege steht, das wäre also dieser sein Wissensverlust. Durch ihn bekommt er die Unruhe, weiche ihn nicht vom Flecke bringt, sondern wie die Unruhe in der I hr pendelnde Maschine bleibt. So wird jene Ruhe des auf der Stelle Tretenden, der zwar weiß, was er weiß, aber nicht weiß, daß jedes Wissen zugleich ein Nichtwissen ist, zur Krankheit. Darum mußte der Arzt wieder ein Doktor, ja sogar ein docens, ein Lehrender werden. - 461

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