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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 92

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 92)
Language
German
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Mensch steht, kann nicht zugleich ein anderer sein; er steht dem anderen im Wege. Es ist aber schwerer einzusehen, daß ein dastehender Mensch auch sich selbst im Wege steht; und daß dies zu seinem eigentlichen Wesen als Mensch gehört, wodurch er sich von jedem Beliebigen, das nur Körper wäre, unterscheidet. Daß er sich selbst im Wege steht, ist vielleicht ein Geheimnis seiner Unruhe; der Mensch vermag nicht in Ruhe zu verharren. Freilich wird die Bewegung eines Menschen oft anders erklärt, nämlich so, daß er „auf einen Ruf antworte66. Er geht, weil er dazu gedrängt wird oder weil er von etwas außer ihm angezogen wird. Dabei macht er also einem anderen Platz und verdrängt ein anderes zugleich. Dabei wird aber nicht deutlich, daß er sich selbst im Wege sei. Was es damit für eine Bewandtnis habe, wird erst dann klar, wenn die Bewegung geschieht, ohne daß der Mensch dadurch von der Stelle kommt. Einen solchen Zustand nennen wir nicht böse, aber wir erfahren auch ihn als etwas, was nicht sein sollte, nur auf andere Weise als das „Böse66. Der tage- oder wochenlang auf der Stelle unbeweglich verharrende oder unablässig auf der Stelle tretende Mensch gilt uns als geisteskrank. Offenbar ist dies ein Mensch, der sich nicht zu etwas Neuem entschließen kann. Jeder motorische Akt verlangt das von ihm. Wenn er zum Beispiel dasteht und nun fortgehen will, muß er sich entschließen, ob er mit dem rechten oder dem linken Bein anfangen will; ein so harmloser Entschluß geschieht ihm mehr, als daß er ihn faßte; aber er ist auch eine Entscheidung; wenn sie sein Körper, der doch zu ihm gehört und der seinige ist, nicht treffen kann, ist er krank. Zwischen diesem Fall und dem des Bauern, der sich nicht entschließen konnte, den sinnlosen rechthaberischen Prozeß aufzugeben, gibt es viele Übergänge. Niemand vermöchte zu sagen, wo in dieser Reihe der Zwang aufhört und die Freiheit anfängt. Um zu wollen,muß er wollen können und so steht das Wollen unter einer Bedingung des Könnens. Er kann nicht alles wollen. Was er nicht wollen kann, tut er unter Zwang (sei es nun ein Etwas-tun oder ein Etwas-lassen). Unzweifelhaft ist der Bauer in solchen Zwang erst hineingeraten. Es gab eine Zeit, wo er das Prozessieren lassen konnte, und dann eine Zeit, wo er allein es nicht mehr lassen konnte. Als er diese zweite Zeit kommen fühlte, ging er zum Arzt, um einen Wissenden zu finden. Sein Unglück war, daß er nur einen Helfenden fand. Sein Unglück war ferner, daß er weiter, statt auf ein Wissen zu bauen, auf eine Persönlichkeit zu bauen anfing - davon wird noch zu reden sein. 460

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