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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 86)
Language
German
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das, was hinter ihm stand, die „Erscheinung46 der Dinge wichtiger als die „Dinge an sich". Jenem Entschiedenen ist seine Wahrheit kein verschleiertes Bild, sondern ein fernleuchtendes Licht, das man gleichfalls nicht schon in der Hand hält, das aber den Weg auf sich zu bestimmt. Will er aber im „Simultanen64 wirken, so muß allerdings das Wissen vom Teilcharakter seiner Wahrheit hinzukommen, die vielen etwas sein kann, aber nicht allen, wie ihm und den Seinen, alles. (Vergleiche z. B. den talmudischen Begriff der „Gerechten der anderen Völker64, die nach Meinung der jüdischen Tradition gleichfalls Anteil an der kommenden Welt haben.) Solcher Haltung wird das Zusammenwirken mit anderen immer möglich und zuweilen geradezu Bedürfnis sein: sie wird glauben dürfen, indem sie ihren Weg geht, zugleich andere auf dem eigenen Wege und alle in der menschlichen Weggemeinschaft zu stärken. Für den Einzelnen ist es zwar richtig, daß er aus den unendlichen Möglichkeiten der Welt, die z. B. das schweifende Jünglingsalter noch fast unverkürzt anbietet, einige wenige auswählen muß, um zur Wirklichkeit seinen eigenen Wesens zu kommen, und man kann fast die Gleichung aufstellen: Je mehr Wirklichkeit ein Mensch hat, um so weniger Möglichkeiten hat er. Aber die volle Wirklichkeit der Menschheit erschöpft sich doch nur in der Fülle ihrer Möglichkeiten, die im Einzelnen Teilgestalt, Teilwirklichkeit geworden sind, im ganzen aber, sich „ergänzend44, zusammengehören. D. h. freilich nicht, daß die Menschheit als Ganzes das Bild einer ungerichteten und unbewältigten „Möglichkeit66 aller Triebe und Leidenschaften bilde, sondern daß die vielfachen Teilverwirklichungen insgesamt sämtliche vorhandenen Möglichkeiten bewältigen, so daß gleichsam keine einzige „freie66, ohne ihren Herrn gefunden zu haben, mehr die Welt beunruhigt. Von hier aus ist ein System wahrer Duldung zu errichten, daß die Einzelnen so gut umfaßt wie die Völker und Religionen, indem es alles Einzelne auf seinen Ort im Gesamtplan stellt. Wir möchten auch glauben, daß manche der wirklich großen Täter solcher Einsicht gewesen sind: es gibt neben dem Typ der großen Einseitigen auch die großen Vielseitigen, oder besser: Vielsehenden, die, wie z. B. Esra oder der Freiherr von Stein nicht aus apokalyptischer Verhüllung des Auges ihre Kraft zogen, sondern aus der nüchternsten Erkenntnis der Gegenwart, und die den Mut der Tat schöpften aus dem tiefsten Brunnen der Seele: aus dem Brunnen der Verzweiflung. 454

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