Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0955-2824906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
VIKTOR VON WEIZSÄCKER KRANKENGESCHICHTE1) Die Krankengeschichte Es kommt nicht ganz selten vor, daß ein Bauer zum Doktor kommt und nicht zum Arzt. Es tut ihm „da im Leibe46 weh; er will wissen, „was das eigentlich ist". Er fragt gar nicht, was man dagegen tun soll, sondern nur, was es zu bedeuten hat. Der junge Doktor untersucht seinen Leib und die anderen Organe, aber er findet nichts. Er ist unerfahren; so sagt er dem Bauern: „Es ist nichts da." Dieser geht mit vertieftem Zweifel fort. Er hat auch recht und der Doktor hat unrecht; es ist etwas da. Der Doktor muß den Namen dafür finden; nur muß es der rechte sein. Wo ein Ding den rechten Namen noch nicht gefunden hat, da irrt es durch die Welt, ruhelos, bis es ihn findet. Wie will der Bauer finden, was ihm weh tut? In ihm war der Drang zu wissen, „was es sei", tatsächlich noch stärker, als der Drang, den Schmerz loszuwerden. Das ist von Bedeutung; aber der Doktor hat nicht verstanden, was es bedeutet. Es bedeutet, daß der Bauer selbst einen Unterschied machen kann, den der Doktor noch nicht völlig begriffen hat, nämlich, daß etwas wehtun kann, obwohl „nichts Rechtes" da ist. Das hatte der Bauer nämlich bereits selbst dunkel erfahren, daß ihm anders zumute ist, als wenn ein Geschwür oder sonst „etwas Rechtes" da wäre. Daher war der Drang zu wissen stärker, als der nach Arznei oder Messer. Freilich kann eine solche Szene auch ganz anders aussehen, wenn nichts „Rechtes" da ist. Daß es aber überhaupt so sein kann, wie hier beschrieben, das hat seine Wichtigkeit. Wir wollen hier nicht die vielen Möglichkeiten beschreiben, sondern ein Wesentliches erfassen. Das Wesentliche ist, daß einer, der sich selbst nicht helfen kann, einen Drang haben kann, zum Doktor als dem, der ein doctus ist, zu gehen und daß er um des Wissens noch mehr als um des Helfens willen geht. Er handelt so, als ob er wüßte, daß auch das Wissen helfen kann. Er hat einen solchen Satz nie gehört, einen solchen Gedanken nie gedacht; er hat nie sich psychologisch klar gemacht, daß auch der Zweifel das sein kann, was ein Leiden ausmacht; überdies tut es ihm eben weh. Trotzdem kann eine solche Szene geschehen und darum gerade ist sie lehrreich. Sie betrifft das Wesen eines Dings. *) Vgl. Jahrg. I, Hefte 1 und 3: Stücke einer medizinischen Anthropologie. 455