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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 84)
Language
German
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tief resignierten Kräften bestehen. Auf der anderen Seite verlangt dieses Minimum keinesfalls eine restlose oder nur mehrheitsteilige Bejahung der heutigen Gesellschaftsordnung. Wer die verlangt, verkennt eine der wichtigsten Eigenschaften jeder geschichtlichen „Zeit66, die uns allerdings gerade die üblichen geschichtsphilosophischen Benennungen der Epochen immer wieder verderben: nämlich die Einsicht in die Vielzeitigkeit jeder Zeit. In jeder Gegenwart stecken die verschiedensten Schichten, nicht nur einfach Vergangenheit und Zukunft, sondern sehr mannigfaltige sich überlagernde Gebilde, von denen die Vergangenheit der einen der Zukunft der anderen gegenüberliegen kann. Gerade innerhalb dieser Vielschichtigkeit, in der sich ja sogar jedes einzelne Menschenleben abwickelt, gewinnt der Geschichtsverlauf seine Gestalt, allerdings auch seinen kampfreichen und tragischen Charakter. Es gibt niemals die „Gegenwart" schlechthin, und die Frage „Was ist die Zeit?" wird niemals selbsttätig von ihr selbst beantwortet, von ihren „herrschenden Strömungen66, von ihrer „Richtung66, sondern immer vom zugleich entscheidenden, also verneinenden Menschen und vom Lenker der Geschicke, mit dem der Mensch in einem rätselvollen, aber wirklichen und tätigen Zwiegespräch steht. Deshalb darf jeder, der irgendwelche Ansatzpunkte in der Gegenwart für die Zukunft sieht, von ihnen her wirken, auch als Lehrer, w enn er sich auch hüten muß, diese Ansatzpunkte mit der ganzen vorhandenen Gegenwrart schlechthin gleichzusetzen und alles andere zu übersehen. Er wird dann aber, um mit Kant zu sprechen, seine Schüler nicht für den bisherigen Gesellschaftszustand, sondern für einen künftigen besseren vorzubereiten suchen. Die besondere Schwierigkeit einer derartigen Haltung gerade in der Simultanschule beruht darauf, daß die verschiedenen Lehrer sehr verschiedene Wertgesichtspunkte an die gleichen Schüler heranbringen w erden. Deshalb wird eine gewisse Geschlossenheit innerhalb des gleichen Kollegiums immerhin anzustreben sein; zur Entfaltung simultaner Tugenden bleibt gegenüber der Vielfalt der Schülermeinungen Raum genug. Ganz aber ist auch eine solche Geschlossenheit nicht zu erreichen, und wohl auch nicht zu empfehlen; nur muß dann mit besonderer Sorgfalt jeder Lehrer sich selbst auf seinen letzten Wertgesichtspunkt zurückführen und diese auch den Schülern, wenigstens den reiferen, zu erkennen geben. 452

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