Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Menschen, nämlich, daß der andere nicht lügt, und man wird das noch so hohe Ziel, um dessen Willen die Wahrheit zurückzutreten habe, doch nicht mehr auf diesem Wege erreichen wollen. Dies aber heißt nicht, daß es kein Geheimnis gebe: es heißt nur, daß unser Geheimnis am Anfang des Lebens steht und am Ende, in Gebot und Tod des Einzelmenschen, in Schöpfung und Erlösung der Welt, daß es auch von diesen Rahmentatsachen auf unser tägliches Leben einwirken muß, daß es aber nicht durch einen Selbstverzicht der Vernunft gleichsam als Barrikade mitten auf unseren Weg gestellt werden darf. Das Geheimnis Gottes und der Schöpfung, der Natur und der Geschichte ist geheimnisvoll genug, es bedarf zu seiner Sicherung keiner Selbstentmannung der Vernunft. Eine Weltanschauung, die das Geheimnis leugnet, ist in Wahrheit gar keine „rationalistische", weil sie nämlich den Weg der Vernunft nicht zu Ende zu gehen wagt und deshalb niemals an die schöpferische Grenze des Geheimnisses stößt. Umgekehrt aber ist eine Weltanschauung, die sich mitten in den Weg der Vernunft geheimnisvolle Hemmungen pflanzt, gar keine „methaphysische", sondern sie ist rationalistisch, weil ihr Geheimnis nicht Tatsache der Schöpfung ist, sondern nur ein Gedankending. Diese Uberzeugung wird, wie ich meine, die Bekenntnisschule jeder Art, und vor allem die religiöse in ihrer Stellung zurWahrheit festzuhalten haben. Auch sie also hätte einen Teil derjenigen Tugenden zu entwickeln, auf deren voller Entfaltung die Möglichkeit der Simultanschule beruht. Auch für diese freilich gibt es ein weltanschauliches Minimum, daß der Lehrer besitzen muß, um die Voraussetzungen seiner Tätigkeit und Anstellung zu erfüllen. Wer die Uberzeugungen Bernfelds teilt, könnte höchstens dann innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung unterrichten, wenn er seine Aufgabe als eine rein technische faßt und bewußt ein „Stundengeber" wird, nicht aus Mangel an Weltanschauung, sondern aus den klar zu Ende gedachten Folgerungen der eigenen, die in der heute gesellschaftlich herrschenden keinerlei Ansatzpunkte finden zu können glauben. Eine solche Haltung wäre nicht zu schmähen, zu dem wir der Uberschätzung des „erziehenden Unterrichtes44 bereits aus anderen Gründen entgegentreten mußten, und ein solcher Lehrer also immer noch mindestens Durchschnittliches würde leisten können. Aber natürlich ist es nicht erwünscht, daß die Mehrzahl der Lehrer aus derart 451