Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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seits nicht auch an simultanen Schulen unterrichten könnten — unter welchen Bedingungen, werden wir noch erörtern nur eine Bekenntnisschule fremder Art wird ihnen verschlossen sein. Die Wertfrage ist aber auch für die Bekenntnisschulen nicht gelöst, sondern nur vereinfacht. Einmal gibt es innerhalb jeder großen Weltanschauungsgruppe soviel Unterschiede und Streitfragen, daß sie sich immer wieder entzünden kann, und zweitens sind ja nur die Eltern der Schüler und die Lehrer einen Sinnes - die Schüler aber tragen ihren jungen Zweifel gerade an denjenigen Wertkern heran, um den die betreffende Schule sich sammelt. In der Auseinandersetzung mit diesem Zweifel wird nun auch hier die Frage nach der Wahrheit lebendig, die im Innersten jeder Wertfrage schlummert. Es ist die Frage, ob die Wahrheit ein unschätzbares und unter allen Umständen zu wahrendes Gut sei, oder ob man um bestimmter Ziele willen auf sie zu verzichten habe. Wir wissen, wie stark unserem Zeitalter, das nicht schlechter ist als andere, nur erkennender und deshalb selbstkritischer, der Zweifel an diesem Machtanspruch der Wahrheit emporgestiegen ist. Ibsens „Lebenslüge", der Romantiker und wieder Gustav Landauers „Wahn46, der „Mythos" vieler Modernen scheinen auf einen anderen Weg und vor allem auf ein anderes Ziel hinzuweisen. Warum soll nicht, so könnte man fragen, die Schule auf die Leidenschaftlichkeit der Wahrheit verzichten, besonders die Bekenntnisschule, und dasjenige Ziel fördern, daß ihr als Wertkern zugleich Voraussetzung ist? Die Antwort würde sich aus jedem tatsächlichen Versuch sofort verneinend ergeben, und hat sich schon hundertfältig ergeben. Im Weltanschaulichen darf es noch weniger Storchmärchen geben als im Gebiete der sexuellen Aufklärung, wo es ja, nach den allerneuesten Meinungen, sogar einer gewissen Stimmung der Kinder vorübergehend entgegenkommt. Man könnte vielleicht sagen, daß die nicht voll zutage tretende Wahrheit, wenn auch nicht die Lüge, gleichfalls einem gewissen Kindesalter angemessen ist, weshalb die Volksschule im höheren Grade Bekenntnisschule sein dürfe als die höhere Schule, die ja in höhere Altersklassen hinaufführt. Aber man mache nur einmal einen wirklich folgerichtigen Versuch mit dem System unwahren Unterrichts, über den man sich aber auch vorher durchaus klar geworden ist. Man wird sehen, daß es einfach nicht geht; daß die ungeschriebene Voraussetzung zwischen Lehrern und Schülern die gleiche ist wie in jedem Gespräch zwischen 450