Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0949-2824900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rathenaus Beziehungen zu seinen Berufsgenossen!). Der Lehrer soll nun von diesem Vorrecht weitgehenden geistigen Gebrauch machen, wie wir das eben andeuteten, aber er soll niemanden schelten, der dieses Vorrecht nicht besitzt und aus diesem sehr einfachen Grunde auch keinen Gebrauch davon machen kann. Alles Gezeter gegen „Klassenkampfgesinnung" sollte er also lassen, da ihn seine eigenartige Berufsregelung von vornherein aus der Notwendigkeit des Klassenkampfes ausschließt, was kein Verdienst ist, sondern eine Verpflichtung. So ist es ein sehr unjugendliches Wort, das als erstes Ergebnis der seelenkundlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Selbstbetrachtung des jungen Lehrers zu buchen ist: das Wort Verzicht. Er wird nur dann etwas erreichen, wenn er sich über die ihm gesteckten Grenzen von vorneherein klar ist und sie nicht zu überfliegen sucht. Diese Grenzen aber werden verschieden liegen, je nach dem Schultypus, für den sich der Lehrer entscheidet. Die Schule Es sei erlaubt, im folgenden die Ausdrücke „Bekenntnisschule44 und „Simultanschule66 in folgender Bedeutung einander gegenüberzustellen: Bekenntnisschulen sollen uns alle diejenigen heißen, die ihre Schüler um einen festen, diesen oder doch ihren Eltern gemeinsamen Wertkern sammeln, sei dieser nun irgendwie religiös, sei er weltlich. Simuitanschulen sind dann solche Anstalten, in denen grundsätzlich Kinder aus den verschiedensten Kreisen gemeinsam erzogen werden. Wie bekannt, gehören unsere Volksschulen im allgemeinen der ersten Art an, unsere höheren Schulen fast ausschließlich der zweiten. Allerdings sind auch sie, wie wir bereits sahen, durch den deutschkundlichen Einschlag der neusten Schulreform, in gewissem Sinne Bekenntnisschulen geworden. Es ist einleuchtend, daß die Wertfrage für Bekenntnisschulen und für Simultanschulen ein sehr verschiedenes Gesicht hat, d. h., daß vom Lehrer unbezweifelte Minimum an Werten ist in der Bekenntnisschule jeder Art größer als in der Simultanschule: sie hat also mehr Voraussetzungen weltanschaulicher Natur, verlangt mehr Gleichheit in Gesinnung und Mitteln auch unter ihren Lehrkräften, entsprechend dieser stärkeren Gleichheit unter ihrem Schüler. Solche Lehrer also, die von einem der bezeichneten Wertkerne hier leben, werden für solche Schulen ausschließlich in Betracht kommen. Das heißt aber nicht, daß sie ihrer- 419