Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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drückt, Psychologie des Ich und Soziologie des Ich getrieben haben. Wir sind nicht der Meinung, daß dies einzig auf dem Wege geschehen kann, den Freud für die Seelenkunde und den Marx für die Gesellschaftskunde gewiesen hat. Die Psychoanalyse vermittelt zwar Erkenntnisse in einer Tiefenlage, die jeder Psychologie vor ihr unerreichbar gewesen ist, aber sie steht unter einer methodischen Gefahr, die in der Fachsprache „Übertragung64 heißt. Damit meint man die starke Abhängigkeitsbeziehung, die sich zwischen analysierendem Arzt und dem analysierten Patienten zu bilden pflegt. Der im wesentlichen stumme Arzt, der den Patienten zu immer freierem und hemmungsloserem Wiedergeben aller c? D seiner Einfälle, gerade und auch der unangenehmen und sonst ins Unterbewußtsein abgeschobenen, „verdrängten4* nötigt, erregt in ihm den Schein voller seelischer Selbsttätigkeit. In der Tat schwindet allmählich das Spannungsgefühl, daß durch die erregte, aber nicht erfüllte erotische Beziehung zum Arzt erweckt worden ist - aber mir ist sehr fraglich, ob es deshalb verschwindet, weil der Patient nun wieder weit genug vom Arzt in selbständiger geistiger Haltung steht und sich die Wertewelt neu aufbaut, oder nicht vielmehr deshalb, weil er durch eine seelische Angleichung sich an Stelle des Arztes gesetzt hat, ihn künftig nachahmt und nur zum Schein selbständig ist. In der Adlerschen Individualpsychologie, in der der Arzt nicht stumm, also auch nicht unfehlbar ist, in der er nicht nur Geständnisse empfängt, sondern sich auch selbst mit einsetzt, sind diese Gefahren vielleicht geringer, aber immer noch vorhanden. Die glücklichste Lösung wäre - allerdings ist sie noch nicht gefunden — eine selbstanalytische Tätigkeit, die durch starke theoretische Schulung den Weg zu den eigenen, unterbewußten Schichten öffnete, deren Vorurteile herausstellte, zugleich aber auch die biologische Schutzgrenze gegen allzu atomistische Seelenzerfaserung mit setzte und so Erkenntnis ohne Tatlähmung brächte. Bei vielen zu Ende analysierten Menschen findet sich übrigens das ebenso gefährliche Gegenteil der Tatlähmung: nämlich eine vollständige Skrupellosigkeit ihrer Handlungen, da ihnen Triebverwirklichungen und Wertverwirklichungen einfach zusammenfallen. Sicher hat Freud, der ja die „Subiiniierung" der Triebe als letztes Ziel empfindet, diese Folge nicht gewollt, aber ebenso sicher ist, daß sie häufig eintritt und einen neuartigen persönlichen „Machiavellismus" schafft, der „realitätsgerecht" zu sein glaubt, in 445