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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 76)
Language
German
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oder wertungsmäßig, wenn auch nicht inhaltlich, nahegebracht wurden und zwar den meisten unter ihnen in ganz verschiedener Weise. Da sitzen Proletarierkinder neben Beamtenkindern, solche, die zum erstenmal in ihrer Familie „höhere Schüler46 sind, neben Sprößlingen aus alten Gelehrtenfamilien, neue Reiche neben Verarmten, Katholiken neben Protestanten, Juden neben Freidenkern. Alle haben sie zu Hause eine Zeitung „ihrer Richtung", nicht alle lesen darin, aber alle hören die dort üblichen Werturteile, Vergleiche, Rückbeziehungen. Und wenn sich auch bei vielen die eigene Einstellung als ein trotziger Gegensatz zur elterlichen äußern mag, so hat dann zwar die elterliche in dieser gegensätzlichen Form gewirkt, aber eben doch gewirkt. Und der Lehrer soll nun diesem Gewirr von Werten gegenüber mit seinen eigenen hintreten? Oder muß er sich ganz verleugnen und nur die Schüler reden lassen? Und zu welchem Ziele soll er sie führen? Jedem zu seinem oder alle zu einem? Die Schule steht unter viel herberen Gesetzen als die Hochschule; was dort immer wieder bestritten oder lehrhaft überbaut wird, ist hier eingestandenermaßen sowohl tragender Grund wie überwölbendes Dach: Anfang und Ende aller Schulerziehung. Trotz einzelnen, bald verhallenden Widerspruchs setzen sich die von den Schulbehörden nach kaiserlichem Anstoß befohlenen Werte sehr schnell durch, und erst die Umwälzung von 1918 schafft erneute Bewegungsfreiheit. Die von vielen befürchtete Umkehrung der bisherigen Wertstufen bleibt aus; zwar verbietet sich einiges von dem, was bisher geboten war, aber doch nicht alles; und vieles, was bisher schon verboten war - z. B. Kommunismus - bleibt es auch nun. Im ganzen hat sich der Rahmen, zwischen dessen Grenzen Freiheit der Werturteile sich bewegen kann, einerseits ein wenig nach links geschoben und zweitens dabei geweitet. Damit ist viel neue Freiheit gewonnen, aber auch neue Verantwortung auferlegt und vor allem: Pflicht zur Wahl. Der junge Lehrer muß sich, nach solchem Uberblick in solcher Lage, entscheidender als vor zwei Jahrzehnten fragen: wo stehe ich? Um diese Frage beantworten zu können, bedarf der erwachsene Mensch, auch derjenige, der sich ganz als Geschöpf Gottes fühlt, zweier Einsichten über sich selbst, die bis zu einem sehr hohen Grade die Vernunft zu spenden in der Lage ist: der Einsicht über seine Seelengeschichte und der Einsicht über seine Klassenstellung. Er muß, gelehrter ausge- 444

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