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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 75)
Language
German
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oder Ruhrkrieg? Ostpolitik oder Eintritt in den Völkerbund? Schutzzoll oder Freihandel? Weltliche Schule oder Konkordat? All diese Fragen, oder doch die Mehrzahl von ihnen, treten dem jungen Historiker nun auch in vergangenen Jahrhunderten entgegen, wo sie sich vorbereiteten und allmählich zu ihrer heutigen Gestalt formten. Sein wissenschaftliches Urteil ist dauernd in der schweren Gefahr des Vergleichenmüssens, der zu kurz schließenden Rückbeziehung vom Heute aufs Vorgestern. Die wird vermehrt dadurch, daß auch die verschiedenen Professoren sehr verschiedene Stellung nehmen und es häufig so scheinen will, daß diese wissenschaftliche Entscheidung mit der politischen des Betreffenden irgendwie zusammenhängt. So wird die Frage der geschichtlichen Sachlichkeit und die Schwere des wissenschaftlichen Werturteils immer drängender. Trotzdem legt der Student sich ziemlich bald nach dieser oder jener Richtung hin fest, der menschlichen Anlage nachgebend, der nichts unerträglicher ist als Ungewißheit, und sucht sich dann auf dem einmal gewählten Orte möglichst zu befestigen, um nicht umlernen zu müssen. Natürlich spielen bei diesem Vorgang nicht nur freie Vernunft - erwägungen eine Rolle, sondern auch der Zwang der Herkunft, der Umgebung, des Einflusses seitens der Professoren und des erstrebten Berufsziels. Aber gerade der ernster Veranlagte unter solchen jungen Leuten, von denen wir einen etwa durchschnittlichen hier zu zeichnen suchten, wird nicht in allen Fragen zu scheinbar endgültiger Meinung durchgedrungen sein. Er wird einen einigermaßen festen Mittelpunkt errungen haben, zu dem die Einzelheiten sich ordnen lassen; aber er wird nicht jeder auftauchenden Schwierigkeit schnell und sicher ihren Ort im Ganzen anweisen können. So vorbereitet also steht er als junger Lehrer vor der Klasse. Bei der heutigen Art unserer Hochschulbildung auf eines, das Wichtigste, gar nicht vorbereitet: darauf, wie er denn nun seine Werturteile und Kenntnisse „an das Kind46 zu bringen habe. Er hat bestenteils gelernt, sich ein Urteil zu bilden; er hat nicht gelernt, anderen dazu zu helfen. Das soll er nun lernen - aber vornehmlich durch Übung, als ein Nichtschwimmer ins Wasser gestoßen. Und da sehen ihn nun die Schüler an, fünfzehnjährige oder achtzehnjährige, und erwarten, mit einigem Zweifel im Herzen, von ihm eine Darstellung derjenigen Ereignisse, die ihnen selbst in der Geschichtsauffassung des Elternhauses schon längst stimmungs- 443

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