Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0941-2824892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sierung des Christentums wäre ebenso falsch, wie die Verkirchlichung der Sozialbereiche, wie etwa die Behauptung, es gäbe ein kirchliches praktisches Sozialprogramm, das für den Katholiken bindend wäre. (Die naturrechtlichen Prinzipien, an denen die Kirche festhält, sind Lehrsätze und kein politisches Programm!) Der Sozialismus ist weltlich, geschöpflich nach Ursprung, Wege und Ziel; er will Gerechtigkeit verwirklichen und nicht „Reich Gottes66, bleibt also innerhalb des Gesetzesreiches. Es gibt keinen religiösen oder christlichen Sozialismus in dem Sinne, daß aus dem Christentum irgendein bestimmt gearteter Sozialismus gefolgert werden könne. Aber es kann und muß religiöse oder christliche Sozialisten in dem Sinne geben, daß sich diese gerade kraft der Kirche, in Glauben, Liebe, Hoffnung für die sozialistische Bewegung entscheiden und in ihr wirken. Wir glauben mit unserer Aussprache den Weg für unsere Entscheidung freigelegt, niemandem aber die Entscheidung selbst abgenommen zu haben. Denn es ist ja nicht so, daß der für das öffentliche Leben mitverantwortliche Katholik nun eindeutig sich für die sozialistische Bewegung entscheiden müsse. Auch z. B. die „bürgerliche Welt" ist noch nicht kraftlos und ihrer geschichtlichen Aufgabe ledig, möge auch ihre bisherige Lebensordnung der unaufhaltsamen Auflösung verfallen sein. Es gilt auch hier, Kräfte, Werte und Ordnungselemente zu retten und auf die Zukunft hin zu erneuern und zu verwandeln; es gilt auch hier noch des christlichen Einsatzes. Dieses rettende Wirken des Christen in der bürgerlichen Welt darf nicht der Rettung des überlebten gelten, zumal nicht im Sinne der üblichen Parteinahme gegen den Sozialismus. Diese gegensätzliche Parteiung gehört geistig der Vergangenheit an, die sie sich auf der Basis einer vermeintlichen oder wirklichen gemeinsamen Volkssubstanz vielleicht noch leisten durfte. Heute wird diese alte Art der Parteiung als lebensgefährlich erkannt. Ein Wirken des Katholiken inmitten der bürgerlichen Welt kann deshalb nur aus der Verantwortung für die Zukunft und aus ihrer Sicht erfolgen, muß die sozialistische Arbeiterbewegung in diese politische Verantwortung unausgesetzt mit einschließen. Andrerseits ist es dem katholischen Sozialisten aufgegeben, inmitten der sozialistischen Bewegung auch die Verantwortung für die anderen \ olksschichten, so für die bäuerliche und bürgerliche Welt, bekennend, leidend und handelnd mitzutragen. 441