Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist also heute für die Entscheidung der Frage nach dem möglichen Anschluß des Katholiken an die sozialistische Bewegung noch ein anderes - nicht minder christliches - Forum zuständig, als das lehramtliche und seelsorgerliche der Kirche, das die sozialistische Bewegung nur nach ihrem Gehalt an Irrlehre und nach ihren Gefahren für die Seele, aber nicht nach ihrem politisch-sozialen Lebensgehalt und nach ihrer geschichtlichen Berufung beurteilt und beurteilen kann. Wir können die Entscheidungen der Kirche innerhalb ihres gekennzeichneten Zuständigkeits- und Geltungsbereiches als verpflichtend anerkennen, ohne damit auf die praktische Entscheidung darüber zu verzichten, ob nicht die Verantwortung für die Gestaltung des öffentlichen Lebens uns gerade als Christen mitten hinein in die sozialistische Arbeiterbewegung beruft - trotz der Irrlehren und trotz der möglichen Gefahren für unsere Seelen — aus eben der aufgeschlossenenLiebeskraft, die die Helden-und Heiligengeschlechter derKirche in ihrem Mut zur gefährdeten Wirklichkeit immer wieder bewährt haben. Dieser Frage ist auch mit jener Ersatzlösung nicht Genüge getan, die den Lebenskern der sozialistischen Arbeiterbewegung zwar anerkennt, aber ihn in eine besondere „Bewegung von Katholiken" oder sogar in eine sog. „katholische sozialistische Bewegung66 glaubt einfach übernehmen zu können. Solche rationale, künstliche Sonderbildungen können - welches auch immer ihre Motive sein mögen - auf Zeit und Stunde gerechtfertigt sein unter der Voraussetzung, daß sie durch die Mitverantwortung für die sozialistische Bewegung an diese gebunden bleiben und sie nicht etwa willkürlich ersetzen wollen. Geht es doch bei dem proletarischen Sozialismus um eine einmalige und einzigartige politisch-soziale Bewegung, die unabtrennbar von ihrer geschichtlichen Trägerschicht, dem europäischen Proletariat, ist, und der deshalb auch nur durch ein Wirken mitten in ihr Genüge getan werden kann. Katholiken also, denen ihr Platz in der proletarischen Arbeiterbewegung angewiesen ist, müssen auch mit der Notwendigkeit ringen, sich im Sozialismus einsetzen und durchsetzen zu müssen und nicht neben ihm. Sie werden sich jedoch vor dem Irrtum zu hüten haben - der in den sog. religiös-sozialistischen Kreisen oft auftritt -, etwa unmittelbar aus dem Christentum, aus den Evangelien eine Rechtfertigung der sozialistischen Bewegung, also einen „christlichen Sozialismus" herzuleiten und sein Ziel mit dem „Reich Gottes auf Erden46 zu identifizieren. Diese Säkulari- 440