Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne weiteres dem Primat kirchenpolitischer Forderungen weichen könne, ferner, daß - entgegen der allgemeinen Meinung und Praxis - weder mit dem stoisch-thomistischen Naturrecht, auch wenn es, formal wie es ist, den veränderten geschichtlichen Situationen Raum gewährt, echte Politik gemacht, noch mit der Anwendung des sog. christlichen Sittengesetzes, auch wenn es sich inhaltlich noch so fein auf alle Möglichkeiten differenziere, die konkreten sittlichen Nöte entschieden und behoben werden können. Diese Fragestellung, die für den innerkirchlichen Aspekt u. a. ihren Niederschlag in den Schriften Joseph Wittigs, für das weltliche Leben etwa in Karl Neundörfers „Zwischen Kirche und Welt44 und in meiner „Politik aus dem Glauben" gefunden hat, ist von dort auch an fast alle Mitglieder unseres Arbeitszirkels mehr oder minder stark herangetreten. Wir stimmten darin überein, daß wir zunächst im Anschluß an diese Auseinandersetzungen erstreben müßten, das Verhältnis von Kirche und Sozietät für uns neu zu klären, indem wir versuchen wollten, zunächst durch die überlebten geschichtlichen Wirkformen und ihren theoretischen Niederschlag auf den Kern vorzustoßen. Die Unklarheit über die Struktur dieses Verhältnisses, die unkritische Anerkennung und der Weiterbestand der mittelalterlichen Ausprägung der Zweischwerterlehre führt nämlich den Katholiken fortgesetzt zu verhängnisvollen Folgerungen in der Politik. So hat sich in dem Kampf um die Schule jüngst gezeigt, daß das Zentrum und die Katholiken fast durchweg die Selbständigkeit ihrer volkspolitischen Verantwortung gar nicht erkannten, sie vielmehr ohne weiteres den kirchenpolitischen Ansprüchen der Kurie opferten, demgemäß auch die Stellungnahme eines Josef Wirth und Leo Weismantel nicht als die dialektische Position des Christen in der konkreten politischen Verantwortung begriffen, sondern sie als Parteinahme für die Uberale gegen die konfessionelle Schule mißdeuteten. Unser Arbeitskreis bekannte sich zunächst zu der sakramentalen Auffassung der Kirche: zur Kirche „als Gemeinschaftsleib Christi". Sie ist, im Sinne der „Gliedschaft am Leib Christi", für den Katholiken erstes Lebensprinzip. Ihre Lebensordnung ist Fundamentalordnung für sein gesamtes Leben: nicht nur für sein individuelles Leben, sondern auch für die sozialen und politischen Lebensbereiche, deren Glied und Mitträger er ist. Als Glied der Kirche lebt der Mensch in dem Stand des Erlöstseins, in der übernatürlichen Lebensordnung der Gnade. Sie gehört zur vollen 430