Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0929-2824880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
offenen Anschluß praktisch gelöst worden ist. Wir können des Beispiels jener evangelischen Christen nicht entbehren, bei denen sich diese Lösung als das Ergebnis ernster christlicher Prüfung, als „Glaube, der in der Liebe tätig ist", bezeugt und somit nicht etwa Folge einer grundsätzlichen Trennung von Politik und Religion oder gar wie bei gewissen religiösen Sozialisten der Erhebung der Politik zur Religion ist. Wir dürfen nicht verleugnen, daß es glaubwürdige evangelische Christen waren, die uns die Auffassung nahegebracht haben, die sozialistische Bewegung sei eine oberflächlich zwar verzerrte und geistig falsch drapierte, im Kern aber echte, zeitberufene Wirkform praktischen Christentums. Lud wir wollen nicht vergessen, daß uns andere begegnet sind, die zwar nüchterner von dieser Bewegung denken, vor allem ihren inneren Leerlauf und ihre geistigen Gefährdungen sehen, aber gerade deshalb - aus der sozialen Verantwortung nämlich für die Arbeiterbewegung, die an einem Wendepunkt ihrer geschichtlichen Mission zu versagen beginnt -, innerhalb ihrer als Weggenossen sich einzusetzen wagen. Jedenfalls haben Wort und Beispiel dieser „christlichen Sozialisten" für uns Katholiken die Bedeutung, daß sie uns zu der „Gewissensfrage des katholischen Christen im öffentlichen Leben dieser Zeit^ und damit zu dieser Auseinandersetzung ermutigten, der wir durch Versteifung auf allgemeine Grundsätze und durch Berufung auf kirchliche Entscheidungen der Vergangenheit auszuweichen gewohnt sind. 2. In der jüngeren katholischen Generation Deutschlands, die nach dem Weltkrieg in das öffentliche Leben einrückte, wird seit etwa 10 Jahren um die Lösung der Frage gekämpft, wieweit die Bevormundung der Katholiken durch die Kirche in den geschöpflichen Bereichen, vor allem im öffentlichen Leben, zu Recht bestehe und wo die Freiheit, Mündigkeit und Selbstverantwortung des Katholiken beginne. Die Frage wurde nach ihren zwei Aspekten als dringlich empfunden: im Hinblick auf das innere Leben der Kirche, das im Übergriff auf die „Welt des Gesetzes" der Verweltlichung ausgesetzt ist, und im Hinblick auf das geschöpßiche Weltleben des Katholiken, das durch kirchhch-institutionelle Bevormundung seiner Eigenart und Ursprünglichkeit beraubt wird und erstarrt. Es wurde in diesen Kreisen empfunden, daß die Verantwortung des Katholiken für die Bereiche seines weltliehen Lebens im Konfliktsfalle nicht 429