Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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unterschied von allen anderen Bäumen, die ich in der Botanik ganz genau kennengelernt hatte; auch von denen, an denen ich ohne das „Du" vorbeigegangen war. Wenn er auch immer wieder in die „Es"-Welt zurücktrat, so daß ich ihn nun auch wissenschaftlich hätte erforschen und beschreiben können, so sprang er doch immer wieder wie mein getreuer Hund auf mich zu, und ich konnte mich seiner manchmal schier nicht erwehren. So wie mit dem Baum ging es mir bald auch mit einem Hause, mit einer Wiese, einer Buschlehne, einer Landschaft. Ich konnte nicht mehr Wissenschaft treiben wie bis dahin; nichts mehr blieb mir in objektiver Ferne; selbst die ehrwürdigen Persönlichkeiten des christlichen Altertums, die ich als Kirchenhistoriker „behandeln" sollte, kamen zu lebendiger Begegnung; und nicht nur sie: ihre Aussprüche, ihre Lehren, ihre Arbeiten wurden mir begegnungsfähig und begegnungslustig, selbständige geistige Mächte, Gestalten und Gewalten, zwar von Gott oder von Menschen geschaffen, nun aber wahrhaftig Geschöpfe, die meiner Geschöpflichkeit wie gleich und gleich begegnen konnten. Und ich wußte nun, daß nicht zuletzt, sondern vielleicht zuerst Gott selber oft aus der objektiven Ferne, wo der wissenschaftliche Gottesbegriff herrscht, zu mir gekommen war; und wußte, daß er mir in allen jenen Begegnungen begegnet war! Ich bin kein Pantheist, aber überall, wohin ich Du sagen muß, ist Gott. In dieser Welt der lebendigen Beziehung ist das „Und" zwischen mir und Gott der Geist, der uns lehrt, „Abba" - „Vater" zu sagen. Und jedes „Und", das mich in Beziehung setzt zu einem Dinge, ist Geist, neuer Geist, der die Einheiten nicht in die Zweiheit hineinaddiert, sondern hineinverwandelt. In der Welt des „Er-Sie-Es" wo man also nur in der „dritten Person" redet, wo weder Anrede noch Antwort ist, da ist kein Leben und ist kein Gott; auch kein Geist, sondern nur Geistigkeit; toter Geist, der erst wieder lebendig wird, wenn die Dinge aus dieser Welt herausgerufen werden in die Welt der Begegnungen. Es sind dieselben Dinge andere in dieser Welt und andere in jener Welt; sie werden verwandelt beim Wechsel über die Grenze. Drüben können sie auch mit „Und" verbunden werden; das ist dann reine rechnerische Addition. Sobald das „Und" aber in der Welt der Begegnungen steht, wird es zur Verwandlung. Ganz unselig ist ein Professor, der eine bloße Vorlesung hält über ein Thema, wie „Student und Kirche" oder „Student und Staat", wenn er weder Student noch Kirche 424