Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 55)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823780--0923-2824874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

muß, wenn ich das Werk fertig zeigen will. Es wird unsere letzte trinitarische Erkenntnis sein, daß die Trinität Gottes keine Privatsache Gottes ist, sondern vielmehr das tiefste Geheimnis auch alles Wirkens Gottes in der Welt des Lebens, in der der Mensch lebendig den Dingen, Mächten, Gewalten gegenübersteht, so lebendig, daß er zu ihnen Du oder Ihr sagen muß, so gegenwärtig, daß er nicht über sie reden kann, sondern nur zu ihnen (es ist ja nicht bloß Höflichkeitssaehe, daß man über gegenwärtig anwesende Personen nicht spricht und daß, wofern gesprochen werden muß, zu ihnen gesprochen werden muß; es hat vielmehr etwas Zwingendes in sich). In der wissenschaftlichen Welt, in der man nicht zu den Dingen, sondern über die Dinge redet, ist das trinitarische Geheimnis ausgeschaltet; in ihr, aber auch nur in ihr, gilt das 1 + 1 2 und das 2 1 + 1; es gilt von allen toten, nicht mehr wirksamen Dingen, von allem, was nicht mehr in Gottes Schöpferhänden ist, sondern herausfiel. Ich habe unterdessen das Buch meines Freundes Martin Buber „Ich und Du" gelesen und fühle mich dadurch bestärkt, die Torheit meines Schulkameraden als Weisheit zu verkündigen. Da hat nun ein Mensch die Geheimnisse des „Und" durchwandert und als Wandergroschen das Wort bekommen, mit dem er davon sagen kann. Er entdeckte zwei Welten, die sich unterscheiden wie Leben und Tod, die Welt des „Ich- Du" und die Welt des „Ich-Es". Ich ging voll Begierde mit ihm. Es kann durch Lesung seines Buches ein ganzes Menschenleben wie mit einem Schlag verändert werden. Die „Ich-Es"-Welt ist die vielgepriesene, allein-wissenschaftliche, objektive Welt, die sich vor allem auf Akademien so gebärdet, als sei sie die allein-seligmachende, wahre, zuverlässige. Sie ist die allein erforschbare, denn die andere, die „Ich-Du"- Welt ist von derartig starkem, gegenwärtigem Leben, daß in ihr nur gelebt werden kann. Sie hat den Primat vor der anderen Welt, wie das Leben den Primat vor dem Tode hat. Sie ist die Welt der wirklichen Begegnungen. Wenn ich früher meine Wanderwege ging und plötzlich vor einem Baum stillstand und zu ihm reden mußte und ganz deutlich Antwort bekam, überfiel mich eine Scham; ich meinte, es zieme sich nicht für einen Menschen meiner Art, sich solchen Begegnungen hinzugeben, zumal für die Wissenschaft, der ich meinLeben weihen wollte, nichts dabeiherauskam. Erst nach und nach merkte ich, daß der Baum, den ich angeredet hatte, erst in diesem Augenblicke in „meinem" Leben stand und sich wesentlich 423

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.