Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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oder Staat ist, wenn es also kein Herüber- und Hinüber-Du gibt und wenn er dazu nicht einmal die zuhörenden Studenten anredet - ich denke da nicht an das kathederübliche „Meine Herren!64, sondern an das Anreden mit jedem Satz und jedem Herzschlag Er ist ein Gespenst auf dem Friedhof, das zunichte wird, wenn man es anruft. Und wenn gar kein einziger der Zuhörer sich ermutigt, die geistigen Mächte, von denen die Vorlesung handelt, zu einem Gegenüber anzurufen, eine Begegnung mit ihnen zu suchen, dann ist der Tod vollkommen. Sie können alle Drei nach der Vorlesung wieder auseinander, Professor, Student, Kirche oder Staat; es war eine Trauung ohne Sakrament. Martin Buber erzählt von einem Volke, in dem die Grußformel zweier Begegnenden heißt: „Ich sehe dich". Das ist eigentlich das Wunderbarste, was sich zwei Begegnende sagen können. Im geistigen Leben, geistigen Gestalten und Gewalten gegenüber muß es vielleicht heißen: ,,Ich liebe dich", denn die Liebe ist das Auge des guten Geistes. Ich habe bei meinen akademischen \orlesungen nicht eher geruht, bis ich in den Augen meiner Zuhörer ein geistiges Sehen beobachtete, das die geistigen Gestalten, die ich ihnen entgegenführen mußte, in ihrer Ganzheit und Lebensfülle grüßte. Dann erst durften die Namen und Dinge wieder in die Welt der wissenschaftlich erforschbaren und darstellbaren Objekte zurücktreten; die Verwandlung war vollzogen; der Hörer war getauft mit der Taufe, die eine Geburt ist; er ward versenkt in den L'rgrund, in dem sein eigenes Wesen mit dem Wesen, dessen Gestalt er gesehen und dessen wissenschaftliche Beschreibung er nun erlernen kann, in wunderbarer Zweiheit eines Lebens, im Geheimnis des „Und", seine neu** Wirklichkeit findet. Es kann Freundschaft oder Feindschaft werden, nie aber Trennung. Wenn sich Student und Kirche oder Student und Staat wirklich begegnet sind, ist der Student neu geworden, und Kirche und Staat sind neu geworden. Jeder lebendige Mensch wird zur Neugeburt der geistigen Gewalten, in die er hineingeboren und hineingetauft wird; und jede geistige Gewalt wird zur Neugeburt des Menschen, wenn er ihr wirklich begegnet. Was man sonst als gegenseitige Forderungen und Verpflichtungen aussinnen möchte oder was man als gegenseitige Vergewaltigungen und Beeinflussungen herbeiführen oder fürchten oder hoffen oder prophezeien wollte, das greift alles ins Leere und Tote hinein.