Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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auf die erste 1 und tippte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf den Daumen seiner linken Hand, sah dann auf das + und tippte auf den linken Zeigefinger, sah endlich auf die zweite 1 und tippte auf den zugehörigen Mittelfinger; denn so hatte er bei seiner Großmutter das Zählen gelernt. „Das sind drei!" rief er in freudiger Erregung dem Lehrer zu. Der Lehrer mußte lachen, und wir lachten alle von ganzem Herzen mit. Infolgedessen hätten wir es auch immer im späteren Leben lächerlich gefunden, wenn einer behauptet hätte, eins und eins sei mehr als zwei. Keiner von uns war mehr fähig, zwischen eins und eins eine Geschichte zu sehen, die sich immer in dem winzigen Augenblick abspielt, in dem wir „und" sagen; und keiner von uns kam darauf, daß es eine unheimliche Geschichte sein könnte, da das Zeichen des Kreuzes darauf stände. Selbst als wir im Religionsunterricht von den Geheimnissen der Dreieinigkeit Gottes hörten, daß nämlich der eine Gott dreipersönlich sei und daß Gottvater und Gottsohn nie zusammen zwei seien, sondern daß sogleich ein Dritter dabei sei, der HeiHge Geist, öffneten sich unsere Augen immer noch nicht, denn diese Geheimnisse taten wir einfach in den Himmel. Niemand sagte uns, daß es auch auf Erden solche Geheimnisse gäbe. Sonst hätten wir wohl gemerkt, daß die beiden Einsen zusammen für sich allein eben nur zwei Einsen seien; daß sie erst dann zur Zwei werden, wenn zwischen beiden zwar nicht der Heilige Geist, aber doch der Geist auftritt und sie in Zwei verwandelt, so zwar, daß aber nun der Geist als Dritter darin bleibt. Die Zwei ist eine der ersten Schöpfungen des Menschengeistes; das „Und" zwischen den beiden Einsen ist sein Zauberwort. Jenen Mitschüler, der die beiden von den übrigen Kugeln der Rechenmaschine abgesonderten Kugeln gleich in eine Geschichte verwickelt sah und dann mit Recht sagte, daß 1 + 1 3 seien, nämlich zwei Einsen und ein Kreuz, traf ich einige Wochen nach seiner glücklichen Verheiratung. Wie von ungefähr kamen wir auf unsere gemeinsamen Schulerlebnisse zu sprechen. „Ich hatte damals schon recht," sagte er, „daß die Schulrechnerei nicht ganz stimmt; es ist immer etwas dabei, was sie nicht mitberechnet. Jetzt bin ich doch ein Mensch und meine Frau ist ein Mensch; zusammen sind wir aber doch nicht zwei Menschen, wie etwa ich und du; zusammen sind wir eben ein Ehepaar, und ich glaube, wir sind schon am Hochzeitstage drei Menschen geworden. Und in der Schule haben sie gesagt, daß man die Zwei wieder in die beiden Einsen teilen könne und daß 420