Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0921-2824872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
es dann wieder ganz die gleichen Einsen seien. Wenn wir uns trennten, mein Weib und ich, wir wären nie die gleichen Einsen wie vor der Hochzeit; wir hätten aus der Zwei etwas mitgenommen, was wir vorher nicht hatten.46 Er sagte dies alles nicht so auf einmal, wie ich es hier niedergeschrieben habe; es lag nur wie ein Aufghmmern auf den Zweigen unseres Gesprächs, so wie es manchmal an den Zweigen aufglimmert, wenn es in der Sommernacht getaut oder in der Winternacht geschneit hat. „Du meinst also/6 entgegnete ich dem alten Schulkameraden, „daß ihr, du und dein Weib, nicht mehr als Einzelmenschen, wie ihr früher wart, auseinandergehen könnt; wir beide, ich und du, dagegen wohl. Täusch9 dich nicht! Ich nehme etwas von dir mit. Es wird zwar nicht so sein, daß ich sagen müßte: Du bist mein Gedanke bei Tag und bei \acht; aber ich habe oft mit der Formel zu tun, in der das Und vorkommt, das du einst als Schuljunge ganz richtig mitgezählt hast, w ährend die meisten Menschen sich weiter gar nichts dabei denken und infolgedessen falsch rechnen." Und richtig, als ich einige Monate später in einer Studentenversammlung über das Thema: „Der Student und die Kirche"* reden sollte, mußte ich von meinem Schulkameraden erzählen. Denn was ein Student sei, das wußte jeder oder glaubte es wenigstens genügend zu w issen; ebenso was die Kirche sei. Was also an dem Thema irgendw ie aufregend w irken konnte, w ar das „Und66 in der Mitte beider. Am liebsten hätte ich das Thema in der Form 1 + 1? ^Der Student + die Kirche66 an die Tafel geschrieben, denn eben das „Und66 war das „Kreuz66 des Themas, nicht nur, w eü es mir eine quälende Arbeit brachte, auch nicht nur, weil es den Schnittpunkt darstellt, an dem sich die Wege der Kirche und des Studenten schneiden - oft schneidet der Student die Kirche gerade an diesem Punkte! - sondern w eil mir auch an diesem Punkte, an diesem Kreuze, die Welt mit ihrer Weisheit gekreuzigt worden ist. Die Torheit des Schulkameraden wurde mir zur eisheit. Später fiel mir freilich ein,daß ich es auch hätte anders machen können. Ich hätte einiges vom Wesen und der Bedeutung des Studententums und einiges vom Wesen und der Bedeutung der Kirche im allgemeinen vorausschicken, dann auf die historischen Begegnungen von Kirche und Studentenschaft, auf die Verdienste der Kirche an der Studentenschaft und auf die jeweilige Stellungnahme der Studentenschaft zur Kirche, ihrem Glauben, ihren Geboten, ihren Heilsmitteln eingehen und endlich von der Not und den Aufgaben der Gegenwart, von den Pflichten der Kirche gegenüber den 421