Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEPH WITTIG DAS GEHEIMNIS DES „UND44 Als wir im ersten Schuljahr lernen mußten, daß 1 + 1=2 ist, mußten wir es wirklich lernen, und keiner von uns kann unter Eid aussagen, daß er ganz allein darauf gekommen wäre. Es war uns nicht von selbst ersichtlich; wir glaubten es dem Lehrer, weil wir wußten, daß der Lehrer klug sei und sich in Schuldingen nicht irren und uns nicht belügen könne. Er versuchte es uns auch ersichtlich zu machen, indem er an einem Draht der Rechenmaschine eine Kugel für sich allein und dann noch eine hart daneben schob. Natürlich, selbstverständlich, das waren nun zwei Kugeln. Aber wenn der Lehrer ganz ehrlich gewesen wäre oder vielmehr, wenn er selber zur lautersten Ehrlichkeit erzogen worden wäre, hätte er sagen müssen: „Eine Kugel und daneben noch eine Kugel, das sind zusammen zwei Kugeln", und nicht: „Eins und eins ist zwei4*. Denn es war doch zugleich ein Drittes da, nämlich daß die Hand des Lehrers die beiden Kugeln zusammengetan hatte. Dieses Dritte war sogar für unsere Augen das Vergnüglichste. Und als einmal ein junger Lehrer, der vertretungsweise bei uns Rechenunterricht gab, die etwas ungeschickte Frage stellte: „Wenn ich eine Kugel nehme und noch eine andere dazu schiebe, was macht das?" erhob sich einer von uns Jungen und rief: „Die beiden haben in der Bank Unfug gemacht, und der Herr Lehrer hat gesagt, sie sollen zur Strafe heraustreten!" Trotzalledem lernten wir bald sagen: „Eins und eins macht zwei". Als der Lehrer diese „Wahrheit" an die Tafel zu schreiben begann, erklärte er uns, daß das „Und" nicht ausgeschrieben werde, sondern daß man dafür immer ein + mache. Wir waren fromme katholische Kinder und hatten bisher das Kreuzzeichen immer beim Beten auf Stirn und Mund und Brust gemacht; wußten auch, daß die geistlichen Herrn mit diesem Zeichen die uns so lieben Andachtsbildchen und Rosenkränzlein weihten und daß die alten Weiber das Kreuz machten, wenn sie meinten, der Teufel sei ihnen gar zu nahe gekommen, oder wenn ihnen etwas Unheimliches passierte. Aber es geschah ja nun in der Schule, wo sowieso alles anders und alles klüger war als daheim bei der Großmutter, und wir begriffen nun das heilige Zeichen wie ein ganz gewöhnliches Ding. Der Lehrer kreidete an: 1 + 1, wies mit dem Finger darauf und schaute fragend über die Klasse: „Wieviel ist dies?" Jener eine Schüler bückte 419